Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du unsere Patchwork-Tagebücher und kannst lesen, wie wir gerade Arbeit und Leben verbinden.

Wir nennen es Leben. Über Vereinbarkeit.

 
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Als ich in Leipzig am Hauptbahnhof aussteige, fällt mir ein, dass ich bei meinem letzten Besuch hier auch schwanger war. Buchmesse vor 4 Jahren. Verrückt.

Wir haben knapp 24 Stunden. Ich freue mich auf Ricarda, darauf ihr Atelier endlich zu sehen und auf unsere Patchwork-Pläne. Die Zeit ist gefüllt mit vielen guten Gesprächen, Rückschau und Ausblick, unseren Plänen und Wünschen. Und schon sitze ich wieder im Zug zurück. Wie schön das war. Wie gut das immer tut.

Pläne.

Aber zurück. Anfang Dezember. Die letzten Wochen vor Weihnachten waren viel und voll und anstrengend. Wenig Zeit für Zeit dazwischen. Und irgendwann kam den endlich die lang ersehnte Pause. 
Und ja, ich habe die Zeit zwischen den Jahren genutzt, um das alles sacken zu lassen, um mir das neue Jahr vorzustellen. Ich habe Pläne geschmiedet, Ideen gesammelt, Listen geschrieben und (mich) sortiert. 

Wir haben auch unsere Elternzeit geplant. Es wird ganz anders sein als beim ersten Mal und ich bin gespannt, wie das gelingen wird. Wie werden wir uns damit fühlen? Wie wird es sein? Ich mache mir seitdem (mal wieder) viele Gedanken zu diesem Thema.

Rückblick: Dezember 2015

Wenn man als Schwangere durch die Welt läuft, bekommt man jede Menge Ratschläge (gefragt und ungefragt - letztere deutlich mehr). Zumindest war das bei mir so. Scheinbar hat jeder eine Meinung zum Kinderkriegen und darüber, wie sich das Leben mit Kind verändert ... Man bekommt also Tipps, was man vor der Geburt noch unbedingt machen sollte (alles, vor allem schlafen), zur Kinderbetreuung (sofort anmelden), zum reisen (kann man nicht mehr) und zu anderen Themen, die noch furchtbar weit weg erscheinen (impfen, durchschlafen....) 

Worüber aber wenige Menschen sprechen, sind die Themen Aufteilung von Arbeit und Elternzeit; und wenn dann nur, dass die Mütter ja jetzt bald ein Jahr zuhause sind. Das hat mich erstaunt und verunsichert. Ich wollte immer eine Arbeit, die in mein Leben passt und so hatte ich mir das mit der Elternzeit auch vorgestellt. Mein Partner und ich führen eine gleichberechtigte Beziehung und wir bekommen schließlich gemeinsam dieses Kind. Also habe ich angefangen zu recherchieren und siehe da: es geht auch anders. Neben vielen tollen Beispielen in meinem Freundeskreis und im Netz, bin ich auf das Buch "Papa kann auch stillen" von Stefanie Lohaus und Tobias Scholz gestoßen.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und habe dadurch viele Ideen für unsere eigene Elternzeit bekommen. Stefanie Lohaus und Tobias Scholz berichten in den Kapiteln abwechselnd aus ihrer Perspektive und geben so Einblicke in das Familienleben. Ein toller und lesenswerter Erfahrungsbericht.

Weniger Geld, mehr Zeit



Die komplette Elternzeit 50/50 aufzuteilen war nicht unser Anspruch, aber für meinen Partner und mich war von Anfang an klar, dass wir uns beide um unsere Tochter Frida kümmern wollen. So gleichberechtigt und passend wie für uns möglich. Also haben wir gleichzeitig Elternzeit genommen, er vier Monate, ich fünf. Die restlichen Monate nehme ich als ElterngeldPlus-Monate, in denen ich schon einige Stunden arbeiten werde. Diese Entscheidung hat sowohl bei der Elterngeldstelle, als auch bei vielen Bekannten und Fremden für erstaunte Gesichter gesorgt.

 Wir leben dieses Modell jetzt seit 4 1/2 Monaten und würden es wieder so machen. Wir haben zwar sehr viel weniger Geld, aber zum Leben reicht es. Und das ist für diesen Moment absolut genug, denn wir haben etwas viel wertvolleres: Zeit als Familie. Wir teilen Pflichten und Freuden, Notwendigkeiten und Freiheiten. Wir waren in den letzten Monaten im Urlaub, haben Freunde und Familie besucht, ich habe meine Ausbildung zum Ernährungscoach abgeschlossen und wir konnten viele neue Projekte für das kommende Jahr planen. Außerdem haben wir jeden Tag ausgiebig gefrühstückt, waren stundenlang spazieren und haben sehr viel gekuschelt und gespielt. Wenn einer müde ist, übernimmt der andere. Unsere Tage sind sehr langsam, wir sind dadurch entspannt und zufrieden; und Frida auch. Sie kennt uns beide gleich gut und bleibt mit uns beiden ohne Probleme und gerne alleine. Das hat uns (und vor allem mir) schon sehr früh eine gewisse Freiheit ermöglicht. Außerdem ist es schön zu sehen, wie eng schon jetzt die Bindung zwischen Papa und Tochter ist.
 Ab Januar 2016 werden wir beide selbstständig sein. Da ich dann noch voll stille, werde ich ab Februar an zwei bis drei Tagen in der Woche einige Stunden arbeiten. Mein Partner wird ca. 25-30 Stunden arbeiten und unsere Tochter freitags betreuen, an den anderen Tagen springt Oma ein. Damit ich zwischendurch stillen kann, bleibe ich weiterhin meinem Homeoffice treu. Wann und in welchem Umfang wir Frida betreuen lassen wollen, wissen wir noch nicht genau, aber nicht bevor sie 1 Jahr alt ist.

Mir ist bewusst, dass eine Aufteilung wie unsere, für viele Familien nicht möglich wäre: Arbeitgeber spielen nicht mit, die Betreuungssituation ist schwierig, es gibt keine Großeltern in der Nähe und auch mit mehreren Kindern sieht die Situation schon ganz anders aus etc. ABER trotz allem muss es doch möglich sein, über dieses Thema offen zu sprechen. Und es gibt ja nicht nur unser Modell. Wir haben uns ja auch eine eigene Variante gebastelt. Ich erlebe es oft, dass die Frage der Elternzeit bei Paaren gar nicht thematisiert wird, weil die Aufteilung sowieso schon feststeht. Das finde ich sehr schade, denn so kann sich gar nichts verändern. Dabei ist eine Veränderung offenbar gewünscht. Laut der Studie "Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf" vom Institut für Demoskopie Allensbach "wünscht sich fast die Hälfte der Eltern, dass Vater und Mutter annähernd gleich viele Stunden im Job sind - das realisieren aber nur 35 Prozent der Paare. Dabei überwiegt der Wunsch nach Teilzeit für beide Elternteile. 28 Prozent der Befragten fänden ein solches Modell ideal.“ Die neuen Elterngeldvarianten bieten zudem Chancen für neue Konstellationen. Jobsharing ist auch eine Möglichkeit und Selbstständigkeit bietet diesen Gestaltungsspielraum ohnehin. Unsere Aufteilung ist bestimmt nicht perfekt und wahrscheinlich auch nicht so geschickt, aber sie passt zu uns und sie macht uns alle drei vor allem eins: ganz schön glücklich.

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Und jetzt?

So war das also vor drei Jahren. Und jetzt? Ist alles ganz anders. Mein Mann und ich sind beide beruflich in einer anderen Situation als 2015. Und wir sind auch um einige Erfahrungen reicher. Denn: So einfach, wie ich es mir im Dezember 2015 vorgestellt habe, war es nicht. Es war sogar sehr viel schwieriger. Durch Krankheitswellen, ausgefallene Projekte, Betreuungsproblematiken und müde Tage war die Aufteilung nicht immer so leicht. Vor allem die Finanzen haben eine große Rolle gespielt. Und diese veränderte Ausgangssituation hat uns auch eine andere Entscheidung treffen lassen: Wir werden ab Sommer die ersten zwei Monate gemeinsam zuhause sein. Dann arbeitet man mein Mann wieder. Sobald ich mich dann danach fühle, wird er nur noch vier Tage in der Woche arbeiten. So kann ich Freitagvormittags an meinen eigenen Projekten arbeiten (es gibt so viele Idee, Projekte & Produkte!) und nachmittags werde ich unser großes Löwenmädchen abholen, um mit ihr exklusive Mama-Tochter-Zeit zu verbringen, was mir so wichtig ist. Nach einem Jahr werde ich dann auch wieder in meine Festanstellung zurückkehren - zunächst mit 15 Stunden, bis auch das kleine Kind gut betreut wird. In dieser Übergangszeit werden wir uns noch mehr aufteilen, mein Mann wird nochmal freinehmen und auch meine Mutter unterstützt uns wieder an einem Tag in der Woche. Viel mehr Details oder Daten wollen wir gar nicht planen... Wir wollen erstmal schauen, wie alles klappt. Wie das Leben zu viert so sein wird. Wie wird das Kind sein? Wir als Eltern von zwei Kindern?

Und auch wenn ich diese Aufteilung für unsere heutigen Lebensumstände absolut logisch und richtig finde, stelle ich sie trotzdem manchmal in Frage. Die Gründe, weshalb wir uns damals möglichst gleichberechtigt aufgeteilt haben, waren vielfältig. Einer war definitiv, dass wir beide nicht in diese “Retraditionalisierungs-Falle” tappen wollten.

Denn die meisten Eltern haben eine “klassische” Aufteilung und wenn man sie darauf anspricht, sagen viele, dass das bei ihnen nicht anders möglich wäre oder sie es sich nicht anders leisten könnten. Warum? Wirklich? Darauf haben die wenigsten eine Antwort und kaum eine Familie rechnet verschiedene Varianten wirklich durch. Und das ist auch kein Wunder, denn bei vielen Paaren kommt es bei der Familiengründung zu einer „Retraditionalisierung der Geschlechterrollen“. So bleiben mehrheitlich die Frauen ein Jahr zu Hause und die Väter nehmen maximal zwei Monate Elternzeit (bezeichnenderweise nennt man diese beiden Monate bereits „Vätermonate“). " In den meisten Familien arbeiten die Frauen Teilzeit - in unterschiedlichen Stundenzahlen. In 17 Prozent der Familien arbeitet der Vater Vollzeit, und die Mutter ist nicht berufstätig. Die Konstellation, dass die Mutter Vollzeit arbeitet und der Vater Teilzeit oder gar nicht ist in der Studie nicht extra aufgeführt. " (Allensbach, 2014)

Und jetzt machen wir es auch so. Tatsächlich sind es auch bei uns die äußeren Umstände, die sich in den letzten drei Jahren geändert haben und die zu unserer Aufteilung geführt haben. Das ist auch das, was mich am meisten daran stört. Das Gefühl, dass wir die Entscheidung irgendwie nicht frei treffen konnten, dass sie für uns entschieden wurde. Finanziell und organisatorisch ist es in diesem Moment nicht anders möglich und wir machen das Beste daraus, wie ich finde. Ich schreibe und spreche trotzdem darüber, denn es ist wichtig, dass sich noch viel ändert. Politisch, gesellschaftlich und in den Unternehmen.

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Es ist wie es ist.

Und auch wenn sich das jetzt hadernd und zweifelnd und unzufrieden anhört - ist es nicht. Ich sehe die positiven Seiten und freue mich auch auf die Zeit. Ich freue mich auf die Freitage, an denen ich einfach an meinen Patchwork-Projekten tüfteln darf und völlig ohne Zeit- (oder Geld-) Druck an Ideen arbeiten kann. Die Zeit wird wieder mehr unserem natürlichen Rhythmus folgen, alles wird langsamer werden. Ich bekomme die Möglichkeit, auszuloten, was und wie viel ich davon will. Und das werde ich nutzen. Es gibt schon eine lange Liste und ich werde hier davon berichten.

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Was kommt jetzt?

Es sind jetzt noch knapp 4 Monate bis zum Mutterschutz. Es gibt viel zu tun, aber ich möchte die Liste kurz halten und lieber mit Ruhe und genug Pausen durch die arbeitsreichen Wochen gehen. In den nächsten sechs Wochen teste ich, wie mir das gelingt. Viel Alltag und Routine - und ich freue mich darauf.