Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Ängste, Bücher und Ehrlichkeit.

 
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Das ist mein bisher schwierigster Tagebucheintrag. Inhaltlich? Ja, auch. Aber vor allem organisatorisch, zeitlich. So kommt es, dass ich jetzt knapp zwei Wochen nach dem geplanten Veröffentlichungsdatum auf der Couch sitze und erst damit anfange. Und diese letzten zwei Wochen hatten es in sich...

Ende Januar waren wir in Berlin. Zum Arbeiten und Freunde besuchen. Direkt im Anschluss bin ich krank geworden. So richtig. Die Grippenviren scheinen dieses Jahr besonders aggressiv zu sein. Denn auch um uns herum wurden alle krank. Die Erzieher unserer Krippe eingeschlossen. Ich musste (als Vorstand) ziemlich viel organisieren, wir hatten kürzere Öffnungszeiten und ich musste auch mal zum Elterndienst einspringen.

Zudem hatten wir noch ein paar zusätzliche Termine, da hier eine große Entscheidung ansteht. Das Löwenmädchen kommt im Sommer in den Kindergarten. Ui. Sentimentalität mischt sich mit Aufregung, wenn ich darüber nachdenke. Die Entscheidung für den richtigen Kindergarten ist sehr viel schwerer als gedacht. Beeinflusst diese Entscheidung doch unser aller Leben für die nächsten 3-4 Jahre. Jedenfalls hatten wir diese Woche deshalb noch zwei Hospitationen in unseren favorisierten Kindergärten. Ich bin also mit der Arbeit kaum hinterher gekommen.

Warum ich das hier alles schreibe? Weil ich mich erklären will? Ja, bestimmt auch. Aber vor allem will ich ehrlich sein. Mit dir. Und auch mit mir. Die letzten zwei Wochen waren voll und anstrengend. Wirklich. Und es ist ok, wenn manche Dinge dann länger dauern. Es ist ok, wenn sich in der Küchenecke Krümelberge türmen und es ist ok, wenn dieser Tagebucheintrag erst heute kommt.

Im vollen Alltag vergesse ich das manchmal. Ich vergesse, dass das alles so in Ordnung ist. Und ich bin dann sehr streng mit mir. dabei bringt das gar nichts. Im Gegenteil sogar. Ich kann die Situation auch dadurch nicht ändern, fühle mich aber schlechter - habe ein schlechtes Gewissen. "Wie unnötig" - das denke ich, wenn ich endlich wieder mal tief durchgeatmet habe und ein paar Minuten Zeit hatte, um mich umzusehen, um wirklich hinzuschauen. Dann sehe ich, was ich alles in den letzten zwei Wochen geschafft habe. Dass ich trotzdem geduldig war - mit meiner Tochter. Das die Sachen, die wirklich wirklich, wichtig sind, funktioniert haben und ich Zeit dafür hatte.

"Man kann nur mittelmäßig malen
auf einem vollen Blatt Papier"
Spaceman Spiff

Und ich kann nur mittelmäßig schreiben, wenn ich einen so vollen Kopf habe. So volle Wochen. Wenn da kein Platz ist für Zwischengedanken. Wenn da nur "machen" und "reagieren" ist.

Das ist in Ordnung. Das darf so sein. Es kommen wieder andere Wochen, andere Zeiten.

Ehrlich mit sich selbst zu sein, ist manchmal schwer und tut weh. Manchmal ist es aber auch versöhnend und tut gut. Und die Ehrlichkeit bringt mich irgendwie dann auch zu meinem nächsten Thema.

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Das, dass mir inhaltlich so schwer fiel.

"An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte. Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen und verrichte gemächlich mein Tagewerk, Tunnelblick an und los, im Bauch ein Gefühl wie Hühnerfrikassee: warm, weich und muskatig. An diesen Tagen kann mir niemand was. (...)
An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. An diesen Tagen ist alles zu laut, zu nah, zu präsent."

"Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst" Franziska Seyboldt, S. 15/16
 

Vor einigen Wochen postete jemand bei Instagram diesen Auschnitt eines Buches. Ich klickte auf den Link, las noch etwas weiter und bestellte sofort dieses Buch: "Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst" von Franziska Seyboldt

Innerhalb von drei Tagen war ich durch. Tolles Buch! Wichtiges Buch!
Aber was hat das hier verloren? Was hat das jetzt mit Patchwork zu tun? Und was mit Ehrlichkeit?

In dem Buch von Franziska Seyboldt geht es um Angststörungen und um das Leben damit. In vielen Abschnitten erzählt sie davon, wie die Angst auch ihr Berufsleben beeinflusst. Natürlich. Die Angst ist überall.

Hier sind wir also wieder bei der Ehrlichkeit. Angst ist ein Tabuthema, dabei ist es so wichtig, darüber zu sprechen, zu schreiben. Es hilft dabei, zu zeigen, dass niemand alleine damit ist. Dass es anderen auch so geht. Also schreibe ich heute ganz ehrlich über etwas, über dass ich öffentlich noch nie geschrieben habe: Meine Angst.

Ich weiß nicht genau, wann das mit mir und der Angst genau anfing. 2005 vielleicht? 2008 nahm ich dieses Gefühl dann zum ersten Mal ernst. Die Angst zeigte sich bei mir in der Form, dass ich das Gefühl hatte, keine Luft zu bekommen. Ich lag nachts im Bett, mein Herz raste und ich konnte nicht richtig atmen. Ein Elefant saß auf meiner Brust. Verschiedene Tests und Untersuchungen (zu denen ich mich irgendwann, sehr spät, endlich durchrang) bescheinigten mir eine exzellente Gesundheit. Schön. Und schrecklich.

In den nächsten Jahren konnte ich an schlechten Tagen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, keine Menschenmassen ertragen und keine Situationen, in denen ich mich in irgendeiner Form gefangen fühlte. Ich lief also, bewaffnet mit Musik auf den Ohren und einem Schutzpanzer um mich herum, große Umwege, sagte Verabredungen ab, weil ich im letzten Moment doch nicht in die U-Bahn steigen konnte und verließ manchmal wochenlang meine Wohnung nicht. Blicke schmerzten, ein Raum voller Menschen überforderte mich so sehr, dass mir schwindelig wurde. Mein Haut war durchlässig, abgewetzt, fast nicht mehr vorhanden.

Womit soll ich anfangen? Mit den Konzentrationsschwächen, dem ständigen Abschweifen? Dem seltsamen Gefühl, wenn man begreift, dass die Angst zu einem ständigen Begleiter geworden ist? Man fühlt sich nackt, durchsichtig, wackelig und nie ganz da. Nicht richtig. Man fragt sich, ob der Herd noch an ist, das Licht. Ist die Tür verschlossen? Läuft der Fernseher noch? Man wird unsicher, schüchtern, hilflos.
(Irgendwann 2009)

An guten Tagen konnte ich fast alles. Ich tanzte auf den Dächern der Stadt, besuchte Clubs und niemand hätte mir gelaubt, dass es auch andere Tage gibt. Ich selbst vergaß es immer fast.

Das ist natürlich nur ein sehr kleiner Einblick, ein kurzer Ausschnitt. Ich könnte noch sehr viel mehr über mein Leben mit der Angst erzählen, aber das mache ich vielleicht mal an einem anderen Ort.

Als ich dann 2010 meinen ersten festen Job hatte, kamen neue Situationen dazu, die die Angst auf den Plan riefen. Großraumbüros, Meetings, zeitlicher Druck. Ich dachte immer, dass ich einfach nicht passe und dieser Arbeitswelt nicht gewachsen bin. So einfach war das natürlich nicht.

Mit der Zeit schafft man sich seine Unterschlüpfe und Notfallpläne. Taxi fahren, wenn U-Bahn nicht mehr geht. Nach vielen Menschen genug Ruhephasen einplanen, Manche Situationen einfach ganz meiden. Einen Notfall-Menschen haben. Eine Therapie machen.

Dann machte ich mich selbstständig, arbeitete nur noch im Homeoffice, hatte keinen Arbeitsweg mehr. Kein Büro. Hach. Vieles wurde besser. Ich konnte meine Kraft besser einteilen. Hatte so mehr Energie für meine eigentliche Arbeit.

Die Angst war natürlich nicht der einzige Grund, weshalb ich mich selbstständig gemacht habe, dafür gab es sehr, sehr viele. Aber sie war einer davon. Und darüber habe ich in dieser Deutlichkeit noch nie gesprochen oder geschrieben. Dabei müssen wir das. Dringend.

In Deutschland leidet jeder 6. im Laufe seines Lebens einmal unter einer Angststörung. Angststörungen treten sogar häufiger auf als Depressionen. Trotzdem sind sie immer noch ein Tabuthema. Warum? Warum spricht niemand darüber? Oder so wenige?

Das führt dazu, dass sich Betroffene alleine fühlen, schwach, irgendwie falsch und stigmatisiert. Unsere Arbeitswelt (und unsere Gesellschaft) ist nicht für Schwäche gemacht. Es gibt wenig Platz für Menschen, die anders sind - auf welche Art auch immer.

Deswegen ist es so wichtig, offen darüber zu sprechen.

Bei mir kommt noch hinzu, dass ich hochsensibel bin. Über den Zusammenhang von Angststörungen und Hochsensibilität schreibt Franziska Seyboldt auch in ihrem Buch. Das würde hier jetzt aber zu weit führen.

Abschließend vielleicht nur noch ein paar Sätze dazu, wie es mir heute geht. Die Angst ist noch immer da, aber sehr viel seltener. Der Umzug von Berlin nach Darmstadt hat defintiv dazu beigetragen. Ich komme hier sehr viel weniger in "Auslöser-Situationen". Außerdem kennen die Angst und ich uns inzwischen ziemlich gut und haben gelernt, besser miteinander umzugehen.

Wer übrigens denkt, Franziksa Seyboldt hätte ein deprimierendes oder inhaltlich sehr schwieriges Buch geschrieben, liegt falsch. Sie schreibt mit viel Humor, Ironie und Mut und fast schon leicht über ihr Leben mit der Angst.

Irgendwie war das ein seltsamer Tagebucheintrag heute, oder? Aber er passt zu mir und zu dieser Zeit. Und er ist ehrlich.

Geht es dir vielleicht auch so? Oder ähnlich? Ich würde mich freuen, wenn du mir schreibst und davon erzählst.

Das nehme ich mir als Aufgabe für die kommenden Wochen vor:

Seit etwa einem halben Jahr ist ein Teil meiner Patchwork-Arbeit sehr kurz gekommen. Er war eigentlich gar nicht mehr vorhanden. Mein Ernährungscoaching und alles, was damit zusammenhängt. Das lag an den äußeren Umständen, aber auch daran, dass ich nicht so wirklich wusste (und weiß), wie das eigentlich weitergehen soll. Was will ich? Bloggen? Coachen? Rezepte entwicklen? Über Ernährung schreiben?  Diesen Zustand möchte ich gerne verändern. Ich will mir das Thema genau anschauen und mit irgendwas anfangen. Oder aufhören?