Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Sag: und wie willst du wirklich leben?

 
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Was hat uns bloß so ruiniert?

Neulich stand ich mit einigen Bekannten und Freunden abends vor einer Kneipe. Bier trinkend in der Nach-Regen-Sommerluft. Wir sprachen darüber, woher wir so kommen, was wir früher gemacht haben und womit wir heute unsere Tage verbringen. Uns verband alle die Musik (machen oder organisieren) und der Idealismus - früher zumindest.

Wann sind wir so langweilig geworden? Jetzt haben wir alle Bürojobs, echt jetzt? Was hat uns bloß so ruiniert?

Halb im Scherz dahin gesagt. Lachend, prostend. Aber ein Fünkchen Wahrheit bleibt mir im Hals stecken. Der Gedanke hallt nach, ist noch am nächsten Tag da. Bleibt.

Was wollte ich früher? Was habe ich vor einigen Jahren gemacht? Wie verbringe ich heute meine Tage?

Ich habe in den Tagen danach viel über Freiheit und Verpflichtungen nachgedacht. Musste auch immer wieder an das Zitat aus Ricardas letztem Tagebucheintrag denken: „How we spend our days is, of course, how we spend our lives.“

Und dann habe ich ein paar Tage später noch diesen Blogeintrag des Musikers Hannes Wittmer (Spaceman Spiff) gelesen, den ich so wahnsinnig sympathisch finde und dessen Musik ich sehr sehr liebe. Er will sein nächstes Album verschenken, seine Konzerte auf Pay-What-You-Want-Basis spielen. Er will mit seiner Musik kein Teil mehr der Musikindustrie sein. Ich finde seinen Schritt toll und mutig und wichtig und richtig und habe ihn sofort unterstützt. Diese Konsequenz.
Und auch hier ist er wieder: der Idealismus.

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Sag: und wie willst du wirklich leben?

Manchmal ist das so, dass plötzlich überall Bruchstücke und Puzzleteile eines Themas auftauchen und mich beschäftigen. Jetzt also dieses. In der Woche vor oben erwähntem Kneipenabend waren wir im Urlaub. Endlich mal wieder. Meerweh stillen. Ankommen, durchatmen, weg sein. Zuhause sein. Alles gleichzeitig. Kein Internet, keine Verpflichtungen. Das hat uns allen gut getan und war nötig. Aber seit wir zurück sind, fällt es mir schwer, wieder in den Alltag zu kommen, meinen Rhythmus zu finden. Dabei war ich doch nur eine Woche raus!?

Und dann noch der Kneipenabend, der Idealismus und die Gedankenbruchstücke. Diese Frage taucht immer mal wieder auf: Was mache ich hier eigentlich? Wie will ich denn wirklich leben?

Eigentlich ist doch gerade alles gut. Ich mag meine Aufteilung. Mag meine Patchwork-Teile. Mag meine Tage. Meistens zumindest. Und trotzdem sind da eben manchmal Zweifel und Fragen und das Gefühl, dass da noch etwas ist. Oder etwas fehlt?

Weil da eben auch immer die andere Seite (in mir) ist. Es gab mal den Wunsch, Schriftstellerin zu sein. Nur zu schreiben. Frei und mutig. Nur die Kunst und ich und die Auseinandersetzung mit der Welt. Da waren kühne Ideen von einem freien Leben. Freier als jetzt.

Was sind meine Ideale? Wann haben sie sich verändert? Haben sie das überhaupt?

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Alltags-Idealismus

Und dann spüre ich auf einmal, dass das Patchworken meine Antwort ist. Auf das alles. Durch das Patchworken habe ich die Möglichkeit, noch immer zu schreiben. Manchmal Tage zu haben, an denen ich trödeln und Zeit haben darf.

I was working on the proof of one of my poems all the morning, and took out a comma. in the afternoon I put it back again.
— Oscar Wilde

Ich bin heute aber eben auch Mama und Ernährungscoach. Und angestellte Redakteurin. Ich darf das alles sein. Und bin es auch. Patchworkerin eben. Da ist das alles in mir drin und hat vielleicht zum ersten Mal auch Raum. Freiheit und Sicherheit. Meine Balance finden, jeden Tag ein bisschen mehr. Mein und unser Leben gestalten. Das ist mein Alltags-Idealismus und ich meine das viel positiver, als es sich vielleicht anhört.

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Anderes Thema.

Da ist aber noch ein anderes Thema, das mich seit Wochen beschäftigt. Seit Monaten eigentlich. Und zwar: Wie kann man als Mutter Feministin sein/bleiben und gleichzeitig das Wohl des Kindes genauso wichtig nehmen wie das eigene? Wenn wir so arbeiten und leben, wie es momentan viele tun, wenn wir funktionieren und durch das Leben hetzen, was geben wir unseren Kindern dann mit auf den Weg? Wie werden unsere Kinder dann als Erwachsene sein?

Das Thema ist wahnsinnig komplex und ich lese viel dazu, denke darauf herum. Spüre nach, wie ich das mache. Wie ich als Mutter sein will. Schaue, wie Freundinnen das machen. Trotzdem bin ich noch nicht wirklich zu einer Antwort gekommen. Deswegen sind das hier heute auch wieder nur ein paar Gedankenfetzen, um mich zu sortieren und um die Fragen an dich weiterzugeben. Wie machst du das? Was denkst du darüber?

Das Thema hat für mich nämlich sehr viel mit Patchwork zu tun. Es betrifft mein Leben und meine Arbeit immens. Denn es zieht einen ganzen Rattenschwanz an Fragen hinter sich her. Manche davon haben wir schon hinter uns, andere kommen noch auf uns zu.


Ab wann lassen wir unser Kind fremd betreuen? Wie teilen wir uns auf? Wie viele Stunden soll unser Kind in einer Kita sein? Wie viele Stunden arbeite ich? Mein Mann? Macht das Patchworken die Aufteilung leichter? Oder vielleicht sogar komplizierter? Und später, wie machen wir es da? Muss unsere Tochter in einen Hort oder geht es auch ohne? Bekommen wir noch ein Kind? Wie teilen wir uns dann auf? Wie soll das mit zwei Kindern gehen? Wie sorge ich vor? Was sind meine Bedürfnisse? Und die unserer Tochter? Kann ich bedürfnisorientiert erziehen und feministisch sein? ...

 

Das nehme ich mir für die kommenden Wochen vor:

Loslassen. Und zulassen.
Ich will diese ganzen Einteilungen, (Be)Wertungen und Abgrenzungen, die mich manchmal beschäftigen und meine Tage bestimmen, ein wenig loslassen. Und dafür einfach zulassen, was gerade passiert. Die Dinge ein bisschen verschmelzen lassen. Im Flow sein. Leben leben.

Und ganz praktisch: Gaaanz viel vorarbeiten, damit wir im August drei Wochen ohne Betreuung gut überbrücken können. Bevor dann das Abenteuer Kindergarten losgeht.