Patchwork-Arbeit

Blog

Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Über kleine Erfolge, Astronauten und patchworkige Gefühle.

 
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Und ich sitze hier und versuche, die letzten Wochen in Worte zu fassen, Sätze zu bilden. Wieder so viel, so voll, so schnell. Ein „puh“, ein „hach“ und vor allem ein patchworkiges Gefühl. Was wir alles schaffen und können und tragen und stemmen, manchmal ohne es zu merken. Das macht mutig und zuversichtlich und das brauche ich gerade ganz dringend. Denn so viel von dem, was gerade passiert, lässt mich sprachlos zurück. Hilflos. So viel Gewalt und Wut. Ich möchte etwas tun, ich muss. Jeden Tag ein bisschen. Mehr. Ich will für meine Freiheit kämpfen, für die Freiheit meiner Tochter. Ich will, dass sie in einem demokratischen Land aufwächst, ohne Hass, ohne Angst.

aber jetzt reicht es. wir bilden banden. wir wollen, dass jeder, der daran glaubt, aufsteht und mitkommt und jemanden mitbringt und dann sind wir irgendwann ganz viele und schaffen alles.

Was hat das hier verloren? Was hat das jetzt mit Patchwork zu tun? Sehr viel. Denn wir wollen auch in Zukunft so leben und arbeiten. Aber damit es so bleibt, wie es ist, werden wir viel ändern müssen. Wir müssen endlich aufstehen, laut werden. Für Toleranz und Menschlichkeit, gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Wir müssen verstehen, dass es uns alle etwas angeht, uns alle betrifft.

Ein kleiner großer Erfolg.

Aber zurück zu meinen letzten Wochen.

Wir hatten im August keine Betreuung für unsere Tochter. Also vier Wochen ohne Kindergarten, in denen wir beide aber fast normal arbeiten mussten. Der Urlaub war schon verbraucht und ein bisschen wird noch aufgehoben. Also: viel Organisation, wenig Zeit.

Wir haben uns abgewechselt. Ich habe vormittags gearbeitet, mein Mann nachmittags. An einem Tag war Oma-Tag und freitags ein ganzer Mama-Tochter-Tag. Mitte August waren wir noch eine Woche bei Oma und Opa. Das Kind hatte Spaß auf dem Land und ich habe von dort gearbeitet und sogar noch einen großen Artikel geschrieben.

Insgesamt waren diese Wochen schön, aber auch anstrengend. Es gab keine wirkliche Zeit für Pausen. Aber: Wir haben es geschafft. Richtig gut sogar. Ohne Streit oder größeres Drama. Wir hatten alle eine gute Zeit, haben alles geschafft, was wir mussten (mehr sogar) und haben wieder einmal gemerkt, was alles möglich ist. Das war gut - als Momentaufnahme. Aber trotzdem freuen wir uns jetzt, wieder ein bisschen mehr Alltag zu haben.

 Dank Oma & Opa, konnte ich sogar zwischendurch noch einen leckeren MIrabellenkuchen backen.

Dank Oma & Opa, konnte ich sogar zwischendurch noch einen leckeren MIrabellenkuchen backen.

Das große Ganze. Meine Astronautengeschichte.

und plötzlich ist herbst. ich kann nicht arbeiten, muss denken.
ich habe den september schon immer gemocht. die luft, die anders riecht als in den wochen zuvor. die klarheit und das schöne licht.

das seltsame gefühl breitet sich im ganzen körper aus. etwas fühlt sich falsch an, irgendwie verkehrt herum. als müsste man alles mal wild durcheinander rütteln, die einzelnen teile auf dem boden ausbreiten und dann nach und nach neu zusammenbauen, ganz langsam, ganz exakt. 

vielleicht wäre es dann wieder richtig, vielleicht würde dann endlich diese kleine ecke einrasten, die seit monaten klemmt und immer ein wenig übersteht.


Was mich aber auch beschäftigt hat in den letzten Wochen und auch noch immer in mir rumort: Irgendwas ist los. In mir. Es zwickt und zwackt. Gedanklich und körperlich. Inzwischen kenn ich mich gut genug, um die Zeichen zu erkennen. Irgendwas ist im Umbruch. Ich beschäftige mich momentan viel damit, wie ich bzw. wir in Zukunft leben wollen. Das mache ich ja immer ein wenig, aber momentan ist es sehr konkret. Diese Fragen führen wieder zu anderen Fragen und zu Gesprächen und Diskussionen und Gedanken über uns, über andere Familien, über die Gesellschaft. Und irgendwann komme ich dann wieder bei mir an. Wer bin ich denn? Wer will ich sein? Bildet mein Patchwork das ab? Fehlt etwas? Wie bin ich eigentlich hierher gekommen? Und spielt das noch eine Rolle? Wer sagt, wie man leben muss? Wer oder was beeinflusst uns? Und welchen Einfluss hat das auf unsere Gesellschaft? Ich habe hier schon einmal darüber geschrieben. Und da uns bei Patchwork von Anfang an sehr wichtig war, immer ganz ehrlich und offen mit uns und euch zu sein, will ich heute meine Astronauten-Geschichte erzählen.

Tell me, what is it you plan to do with your one wild and precious life?

Eigentlich habe ich immer versucht, das zu machen, was mich wirklich interessiert und woran mein Herz hängt. Bauch statt Kopf. Also habe ich nach dem Abitur Soziologie studiert. Weil es der einzige Studiengang war, den ich richtig spannend fand. Auf die Frage, was man denn später damit machen könne, antwortete ich abwechselnd mit einem Schulterzucken oder einem vielsagenden: "Alles und nichts".  Die Antwort blieb auch nach meinem Abschluss die gleiche, aber immerhin hatte ich eine Idee. Meine Diplomarbeit hatte ich über Hip Hop-Szenen geschrieben, einfach aus Interesse. Außerdem hatte ich während meines Studiums bei einem Label und einem Festival gearbeitet. Nicht mit Hintergedanken, sondern weil ich schon immer ein riesiger Musikfan war. Also wieso sollte ich das eigentlich nicht auch beruflich machen?
Da saß ich dann also mit einem recht guten Diplom mitten in Berlin und hatte (m)einen perfekten Plan geschmiedet. Erst ein Praktikum im Musik/Medienbereich, dann im besten Fall ein Volontariat und danach eine Festanstellung. Den Praktikumsplatz bei einem großen Musiksender (ja, so etwas gab es "damals" noch) hatte ich sogar schon. Aber plötzlich fiel meine tolle Vorstellung wie ein Kartenhaus in sich zusammen und ich saß vor einem Scherbenhaufen. Der war damals zwar persönlich begründet, brachte aber trotzdem meinen Lebens- und Arbeitsentwurf gehörig ins Wanken.

Wenn man einen geliebten Menschen verliert, verschiebt sich die eigene Welt. Manche Dinge werden wichtiger, andere völlig egal. Egal und banal kam mir zu diesem Zeitpunkt mein ursprünglicher Plan vor. Ich wollte auf einmal etwas Sinnvolles machen und ich stellte mir vielleicht zum ersten Mal wirklich die Frage, was meine Träume sind und wie ich meine Tage verbringen will. Ich wollte vor allem eins: leben. Jede Minute auskosten und genießen. Ich wollte und will meine Zeit mit sinnvollen und erfüllenden Beschäftigungen verbringen. Denn ich habe ja nur dieses eine Leben.


Da ich damals auf diese Veränderung aber nicht vorbereitet war, so wie man nie auf so etwas vorbereitet sein kann, jobbte ich erstmal weiter und versuchte mich in meiner neuen Welt, mit meinen neuen Vorstellungen zurecht zu finden. Dazu gehörte auch eine dreimonatige Auszeit, inklusive Reise nach Indien. Ich war auf der Suche; und Indien ist ein gutes Land um zu finden. Vor allem fand ich dort etwas, was sehr selten ist und genoss es in vollen Zügen: Zeit. Ich las, dachte nach und schrieb. Zurück in Berlin, war ich kein bisschen schlauer, aber erholt und motiviert. Ich fing an, mich zu bewerben, jobbte weiter (von irgendwas muss man ja leben) und schmiedete Pläne. Pläne schmieden und Schicksalsschläge gehören irgendwie zusammen. In meinem Leben jedenfalls. Der nächste ereilte mich und traf mich ebenso unerwartet, wie hart.



(Kurze Randnotiz: Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass Schicksalschläge, Todesfälle und Trauer in wenigen Sätzen abgehandelt werden könnten, aber in diesem Text geht es nicht darum. Wer meinen Blog kennt, weiß, wie viel ich mich mit diesen Themen an anderen Stellen beschäftigt habe. Wer mich persönlich kennt, weiß, welch großen Stellenwert sie in meinem Leben haben. Aber hier und jetzt soll es um Arbeit und Lebensentwürfe gehen. Trotzdem kann ich sie auch nicht unerwähnt lassen, da sie maßgeblich zu allen Entscheidungen beigetragen haben.)



Nach einer kürzeren Auszeit ging es mit halber Kraft weiter. Ich schickte Bewerbungen weg und wusste gar nicht mehr so genau, was ich mir wünschte. Dann hatte ich auf einmal zwei Jobzusagen. Also saß ich auf dem Boden in meinem Zimmer und schrieb Pro- und Contralisten. Der eine Job war im sozialen Bereich, bestimmt sehr erfüllend, aber wahrscheinlich auch sehr anstrengend. Der andere Job hatte einen klaren Vorteil: Teilzeit (um weiterhin schreiben zu können), aber es war wieder im Medienbereich. Beide Jobs überzeugten mich nicht wirklich. Am liebsten hätte ich weiter gesucht, aber wer sagt schon zwei Angebote ab? Ich entschied mich also für letzteren, hauptsächlich wegen des Schreibens. Aber es kommt ja erstens immer anders und zweitens als man denkt.

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Das haben wir schon immer so gemacht. Das muss so sein. Das ist normal. So ist das eben." Wer bestimmt das? Wer sagt das? Wer darf das entscheiden?  Das ist doch mein Leben. Meine Zeit. Meine Tage, Minuten, Wochen und Jahre. Und ich habe doch nur dieses eine Leben. Und Du auch. Und Du. Wir alle. Darf ich nicht einfach wollen und riskieren und alles auf eine Karte setzen? Darf ich nicht träumen und erfinden? Mein Leben selber gestalten? Und sollte nicht dieser Weg der normale sein? Und was ist überhaupt normal? Ist es nicht das Ziel, glücklich zu sein? Und ist nicht der Weg das Ziel? Was aber, wenn man nur noch läuft um ein Ziel nach dem anderen zu erreichen, ohne zu bemerken, dass es gar keines mehr gibt? Und ohne sich während des Laufens umzuschauen und zu bemerken wie schön alles ist?

Auch Umwege führen zum Ziel. 



Über dieses Jahr, meine Erfahrungen mit meiner ersten richtigen Festanstellung und alle anderen kleinen Katastrophen, habe ich schon mehrfach geschrieben und möchte es an dieser Stelle nicht noch einmal tun. Es endetet mit einem Knall und dem Vorsatz, sich nie wieder gegen den eigenen Bauch zu entscheiden. Die entscheidenden Dinge, die ich damals gelernt und mitgenommen habe, möchte ich aber trotzdem zusammenfassen: Ich habe gemerkt, dass ich eventuell nicht für eine Festanstellung geeignet bin oder nur unter bestimmten Bedingungen. Ich habe gelernt, dass mir auch im beruflichen Umfeld Menschen wichtiger sind als Inhalte. Und vor allem wurde ich in dieser Zeit auch darin bestätigt, dass ich schreiben will. Klingt nach Happy End? Zu früh gefreut. Es kam wieder anders.


Erst war ich also in der alten Arbeitswelt. Der guten „Old Economy“. Um festzustellen, dass sie für mich nicht funktioniert. Ich glaube nicht an ihre Werte und Versprechen, glaube nicht an Karriere oder Hierarchien. Ich habe mich dann umgeschaut und eine tolle neue Teilzeitstelle in einem Startup gefunden. Also flüchtete ich in die vermeintliche Freiheit der schönen neuen, digitalen Arbeitswelt, um dort festzustellen, dass das auch nicht so wirklich passen will. Diesmal lag es nicht an den Inhalten und auch nicht an den Menschen. Im Gegenteil sogar, ich habe dort wunderbare Menschen getroffen, mit denen ich zum Teil noch immer befreundet bin und auch zusammenarbeite. Es waren die Regeln und Vorstellungen von Arbeit, die nicht meinen entsprachen. Ich fühlte mich fremdbestimmt und eingeengt. Meine Zweifel, dass eine Festanstellung und ich nicht zusammenpassen, bestätigten sich.


In dieser Zeit habe ich auch angefangen, die Astronauten-Interviews zu führen. Weil ich wissen wollte, wer glücklich mit seiner Arbeit ist und von welchen Faktoren dieses Glück abhängt. Nachdem dann meine Probezeit nicht verlängert wurde und ich darüber auch nicht besonders traurig war, war ich dann endlich soweit.

Wenn beides nicht funktioniert hat, warum dann nicht neu erfinden? Ich brauchte eine neue Idee von Arbeit, einen neuen Begriff, ein neues Konzept. Also habe ich mich im Oktober 2012 selbstständig gemacht - zu meinen Regeln und Bedingungen und ganz nach meinen Vorstellungen. Im Herbst 2017 kam dann noch meine Teilzeitstelle dazu.

In den letzen Jahren hat sich mein Patchwork immer wieder verlagert, verändert, verschoben. Ich musste hinspüren, mich neu ausrichten und immer wieder balancieren. Das ist anstrengend und manchmal auch mühsamer, als wenn man nur eine Sache tut. Und deswegen ist mein Fazit diesmal das gleiche, das auch Ricarda neulich zog: „Das ist anstrengend. Aber es lohnt sich.“ Denn nur durch diese Patchwork-Arbeit, die ich mir gebastelt habe, kann ich all meine Interessen ausleben und meine Herzensprojekte umsetzen.

Und jetzt? Das nehme ich mir als Aufgabe für die kommenden Wochen vor:

Ich will wieder im Alltag ankommen, meinen Rhythmus finden. Mal wieder mein Patchwork neu ordnen.

Der September fühlt sich an wie Januar. Alles ist möglich.

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und dazwischen gedanken über entscheidungen und den zeitpunkt, an dem man sie treffen muss. es wird gut sein, bestimmt.