Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du unsere Patchwork-Tagebücher und kannst lesen, wie wir gerade Arbeit und Leben verbinden.

So will ich sein.

 
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Zum Jahresende habe ich mir etwas gegönnt:

Ich hatte 4 Wochen Schreibzeit.

Was natürlich ein absurder Luxus ist. Weil: vier Wochen ungestört schreiben, duh. Was gleichzeitig dringende Notwendigkeit und Basis meiner Arbeit ist: Wenn ich schreiben will, muss ich mir Zeit nehmen zum Schreiben.

Ich hatte keine anderen Termine, alles aufwändig vorbereitet, Vertretungen für die Website-Sprechstunden und die Arbeits-Mails. Mein Ziel war, mit der Geschichte, an der ich schreibe (zum ersten Mal ist es eine längere Geschichte und keine einzelnen Gedichte), ein Stück weiter zu kommen. Wie weit, war mir unklar oder egal, wichtig war, dass ich nach dem Schreibmonat ein genaueres Gefühl für die Geschichte habe.

Dieser eine Monat ist einer der großen Gründe, warum ich in den anderen elf Monaten des Jahres so brav Geld verdient habe. Und es ist mein Ausgleich zu den (etwas längeren) monothematischen Phasen, die ich für Die gute Website eingelegt habe zur Überarbeitung des Online-Kurses.

Und ich habe natürlich so viel gelernt.

Ich habe gelernt, wie sich ein natürlicher Tagesablauf für mich anfühlt, wie lange ich wirklich am Stück konzentriert arbeiten kann. (Nicht lange, stellt sich heraus.)

Nochmal gelernt, wie wichtig Spaziergänge sind. Stunde um Stunde durch die Wäldchen hinter der Siedlung, oder bis in die Stadt runter. Nochmal gelernt, wie wichtig meine freien Wochenenden auch für mein künstlerisches Ich sind, wie wichtig meine Beziehungen und Freundschaften, wie wichtig gutes Abschalten.

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Ich habe mein Schreiben professionalisiert – indem ich meinen Rhythmus gefunden habe, indem ich viel gelesen habe, indem ich viel mit anderen Schreibenden über das Schreiben gesprochen habe, indem ich mir eine professionelle Schreibsoftware zugelegt habe. Letzteres war so eine Veränderung: Es war erstaunlich, wie viel eine andere Übersicht über meine einzelnen Szenen und die Möglichkeit, pro Szene kleine „Karteikärtchen“ auszufüllen, für mein Grundverständnis und die Struktur meiner Geschichte getan haben.

Ich habe mittendrin ein neues Projekt begonnen, ja, schon wieder eins, aber dieses Mal eins, das nur zur Freude ist und so viel Freude macht: Zusammen mit einem befreundeten Lyriker schreibe ich jetzt einen wöchentlichen Newsletter, einen zärtlichen Brief. Diese Briefe sind ein bisschen so, wie uns beim Denken zuschauen, mehr Prozess als fertiges Endprodukt, und sie machen mir so abartig viel Spaß.

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Musik spielt neuerdings eine größere Rolle. Ich höre wieder mehr Musik, ich spreche meine Texte musikalischer, ich hatte eine Lesung in Basel beim Soundlabor, bei der ich mit der Saxophonistin Kira Linn meine Texte vertont habe, oder eher: Wir haben eine zusätzliche Schicht dazu entwickelt.  

Und ich arbeite mehr mit den Händen, habe ein neues handwerkliches Hobby begonnen, und auch hier kämpfe ich fest darum, dass das wirklich „Hobby“ ist – einfach so aus der Freude am Lernen und am Machen, kein weiteres Ziel, kein finanzielles, nichts messbares.

Ich habe gelernt, dass das geht, dass ich mir diese Zeit frei schaufeln kann, dass mein Partner und meine Freunde mich dabei unterstützen, dass meine Kund*innen mich dabei unterstützen, dass ich in diesem Bedürfnis verstanden werde.

Ich habe gelernt:

Ich bin mehr ich, wenn ich Zeit habe und Schreiben ein Fokus ist. 

Ich mag diese Person mehr als die gehetzte Variante von mir, die noch schneller und noch höher will, die meint, alles aus allem heraus holen zu müssen. Nö. Muss ich nicht. Nur manches aus manchem.

Ich mag es, dass ich inzwischen Sachen auch mal sein lassen kann. So will ich sein.

Did you have fun today? Did you grow today? Did you fill out more space? Das sind die neuen Fragen, die ich mir auf dem Nachhauseweg stelle. Und das sind die Fragen, die ich mir im kommenden Jahr noch viel öfter stellen will.