Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du unsere Patchwork-Tagebücher und kannst lesen, wie wir gerade Arbeit und Leben verbinden.

Mein Genugjahr.

 
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Ein verzögerter Start

In der Woche nach der Schreibzeit verknüpfte ich die losen Fäden des Jahres und sortierte, was liegen geblieben war. Dann kamen die Feiertage und diese schöne ruhige Zeit zwischen den Jahren, in der sowieso alles verlangsamt ist. In der ersten Januarwoche erwischte mich die Grippe, also zehn weitere Tage Ausnahmezustand und wieder zu mir kommen.

Ich notierte mir danach:

Ich fühle mich recht neu in der Welt seit meiner Krankheit. Ich muss fast nichts mehr, ich will kaum noch etwas. Nebenan singt seit zwei Tagen ein Opernsänger.

Loose day, loose ends day. Wie will ich alles haben, frage ich mich, was wäre awesome, wie geht es weiter?

Mein Jahr begann also eigentlich Mitte Januar, und zwar mit Jahresbesprechungen. Alicia kam zu mir nach Leipzig und wir entwickelten neue Pläne und haben beschlossen, diese Tagebuchberichte noch viel mehr in den Mittelpunkt unserer Patchwork-Plattform zu stellen (und du kannst mitmachen!).

Die Wepsert-Redaktion kam auch über ein Wochenende zu mir in’s Atelier, und wir besprachen das vergangene Jahr und unsere Wünsche für das kommende und schrieben ein neues Manifest. Mit meinem Verlag habe ich das Lektorat für den Gedichtband begonnen, Texte sortiert und umgestellt und umgeschrieben. Mit meiner Social-Media-Mitarbeiterin Cäcilia habe ich besprochen, wie wir weitermachen und was wir uns für 2019 vorstellen.

Viele Rück- und Vorblicke also, in den unterschiedlichsten Themen – aber durch alles zog sich ein gemeinsamer roter Faden: Ich will weniger Neues auf meinem Teller. Ich habe genug, was bereits läuft, darauf will ich mich konzentrieren können. Auf die Herzstücke meiner Projekte, auf das, was Priorität hat. 

Das hier wird mein Genugjahr.

Ein Tiefenjahr will ich machen: Ich will keine neuen Produkte entwickeln, keine neuen Bücher kaufen, keine neuen Hobbies beginnen, keine neuen Fässer aufmachen. Ich will die Bücher lesen und wieder lesen, die ich habe, die Projekte vertiefen, die ich begonnen habe. 

Genug gekauft, genug vorbereitet, genug gesammelt, jetzt wird genutzt.

Ich habe so viel zu nutzen. Das viele Material meiner begonnenen Geschichte. Die gesamte Werkstatt mit allen Werkzeugen, die Aquarellfarben, die Bleistifte, die Papiere. Das Tagebuch mit den gesammelten Gedanken. Das Evernote mit den gesammelten externen Impulsen.

Ich melde mich von perfekt ab. 

Ich bin aber selbst dann genug, wenn ich nicht nutze, was ich gesammelt habe. Ich werde genug geliebt, ich verdiene genug, ich mache genug. No more shaming. No new nothing.

Ich melde mich ab von der Tyrannei des Neuanfangs, des Es-wird-besser-mit, des Habens über dem Machen. Von der Tyrannei der Optik, der Instagram-Ästhetik, der Hipsterheit, all das, was so ähnlich aussieht und das Gleiche will. 

Natürlich brauche ich weder einen weiteren Computer noch einen neuen Rucksack. Natürlich kann ich alles machen, was ich will, aus dem, was ich habe. Werkzeuge und Wissen, sonst nichts.

Ich habe genug und bin genug, ich bin vollständig und gehe als gesamte Person meine Schritte. Es darf mir nicht weiter eingegossen werden, dass das anders wäre; ich darf mir das selber nicht weiter eingießen.

Also schalte ich auch mein Fetischisieren von Perfektion ab. Die Filme und Bilder der starken, sehnigen, dünnen Körper. Die leere Inbox. Die aufgeräumten, ordentlichen Tische und Desktops. Simpel ist gut, aufgeräumt ist gut, ein bisschen Chaos ist aber auch nicht schlimm.

Hauptsache: Produzieren vor Konsumieren oder Reagieren. 

Wenn ich das durchziehe, dass ich jeden Tag zuerst etwas erschaffe, bevor ich etwas von anderen konsumiere oder auf andere reagiere, dann wird das ein gutes Jahr. Trotz allem. Trotz Weltuntergang. Trotz aller Schmerzen.

Ich will zum Beispiel meinen privaten Blog auch als Ort für die Bücher nutzen, die ich gelesen habe. Denn es macht keinen Sinn, durch ein Buch durchzuhasten, ohne mir wenigsten die Stellen zu markieren, die ich mochte, oder mir ein paar Gedanken über das Buch insgesamt zu machen. Ich will mehr über die Bücher nachdenken, die ich lese. Weniger Badewassertexte (wie Michael Pollan das nennt), mehr Bedacht, mehr Kontext, mehr Klassiker, mehr Verknüpfungen.

Was bedeutet genug im Patchwork Kontext? 

Herausfinden, was der Kern ist. Also wirklich herausfinden. Und dann nur noch den Kern von allem machen. Was überschneidet sich? Das Schreiben. Das Denken. Das Lieben.

In nature, things that grow unchecked are often parasitic or cancerous. And yet, we inhabit a culture that privileges novelty and growth over the cyclical and the regenerative. Indeed our very idea of productivity is premised on the idea of producing something new, whereas we do not tend to see maintenance and care as productive in the same way.
— Jenny Odell

(Das Zitat stammt aus diesem großartigen Artikel, über den ich seit einem Jahr nachdenke.)

Eine Idee für meine vielen Felder: Vielleicht ist es nicht schlimm, wenn ich nicht immer alles gleich viel und intensiv mache. 

Vielleicht ist das wie die starke Sonne, die ich im Winter vermisse, und wie der kühle Wind, den ich im Sommer vermisse. Vielleicht ist es wichtig, dass ich im Laufe eines Zykluses die Menge Sonne und Luft und Schreibzeit und Geldzeit bekomme, die ich brauche, aber nicht zwingend jeden Tag in der gleichen Intensität.


Eine ergänzende Notiz:

Manches ist natürlich noch lange nicht genug.

Diese Ideen beziehen sich ausschließlich auf die Art, wie ich mein Leben leben will. Mir geht es darum, dass ich wahrnehme und immer tiefer wahrnehme, was für unglaubliche Ressourcen ich zur Verfügung stehen habe und die tatsächlich nutze. Anstatt aus Bequemlichkeit oder weil es so hübsch glänzt immer wieder etwas Neues zu beginnen.

Mir ist völlig klar, dass es noch mehr als genug zu tun gibt, und mehr als genug Menschen, die nicht über die gleichen Ressourcen und Privilegien verfügen. Es gibt noch lange nicht genug Feminismus, nicht genug soziale Gerechtigkeit, nicht genug Achtsamkeit für unsere Umwelt, nicht genug konstruktive Wut und politische Handlung in der Welt. Genau dafür will und werde ich meine Ressourcen einsetzen – genau darum geht es mir in diesem konzentrierten Tieferschrauben.