Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du unsere Patchwork-Tagebücher und kannst lesen, wie wir gerade Arbeit und Leben verbinden.

Living the sweet life.

 
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Ich habe in den letzten Wochen Verbesserung zu einer Priorität gemacht. 

Erster Einschub: Ich muss es immer wieder sagen, denn es darf nicht ungesagt bleiben, dass ich von einer unglaublich privilegierten Position aus schreibe. Ich habe die zeitlichen und finanziellen Ressourcen, um in einem besonderen Maße selber bestimmen zu können, worauf ich Wert lege und wie ich mein Leben gestalte.

Viele Teile dessen habe ich mir selber über Jahre hinweg erarbeitet, viele andere Teile sind purer Zufall oder strukturelle Vorbedingungen, also einfach Glück, das ich hatte, für das ich dankbar bin und das ich versuche, zu einem größeren Wohl wieder einzusetzen. Sprich: die strukturellen Vorbedingungen für andere Menschen zu verändern.

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Ich meine keine Verbesserung im Sinne einer dramatischen Selbstoptimierung, um ein Maximum an Geld und Produktivität und Erfolg aus meinem Tag zu quetschen, kein Aufstehen um vier Uhr, keine Stunde Meditation, keine Marathonläufe.

Ich meine eine subtile Veränderung meiner (ohnehin schon sehr zu mir passenden) Lebensumstände, so dass sie noch besser zu mir passen. 

Ich habe mir in den letzten Wochen sehr viel Luft eingeräumt, um meine Prozesse und Gewohnheiten anzuschauen. Um zu schauen, was genau ich tue, und ob ich es nicht auf eine Art tun könnte, die liebevoller und fruchtbarer für meinen Körper oder meine Kunst ist.

Ein Anlass dafür waren meine meine Rücken- und Kopfschmerzen, die mich schon eine ganze Weile verfolgten und mich Anfang des Jahres immer stärker belasteten, und die ich inzwischen aber ein ganzes Stück weit auskuriert habe.

Ich bin relativ überraschend mit diesen Themen bei einem Heilpraktiker gelandet, und der konnte, wie Heilpraktiker das wohl gerne machen, sehr schnell Teile meiner Symptome auf eine ernährungsbedingte Ursache zurückführen.

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Obwohl mir das seltsam vorkam – da ich jetzt nun mal bei ihm gelandet war, beschloss ich, testweise auf ihn zu hören, und habe seit bald zwei Monaten nun Zucker und Kuhmilch aus meinem Leben gestrichen.

Zweiter Einschub: Alicia ist die Ernährungsberaterin, nicht ich; das hier ist ein Bericht einer Erfahrung, die ich gemacht habe und immer noch mache, und keine Empfehlung. Dieser Einschub deshalb, weil ich mehrfach erlebt habe in letzter Zeit, dass ich jemandem erzähle, was ich nicht mehr esse, und mein Gegenüber mit einem schlechten Gewissen reagiert. Iss bitte, was dir gut tut und Freude bringt, und wann immer dir Kekse gut tun, go for the cookies! Ich bin sehr für Kekse und kleine Freuden im Alltag und Feierabendbiere und so weiter.

Zusätzlich zu der Ernährungsumstellung mache ich jetzt wieder täglich Sport, gehe viel mehr spazieren, sitze weniger, habe einen ergonomischen Stuhl gekauft und so weiter. Deshalb will ich nicht behaupten, dass die Ernährungsgeschichte alleine mein Rückenthema gelöst habe. Aber der Rücken ist sehr viel besser inzwischen, und ich habe dadurch noch etwas anderes gelernt:

Wenn ich inzwischen Lust auf etwas Süßes habe, dann nur noch, wenn ich müde oder traurig oder gereizt bin. 

Wenn ich mir also sonst einen kleinen Energieschub oder eine Stimmungsaufhellung mit Schokolade verschafft hatte, musste ich jetzt neue Wege dafür finden. Das zuckerloses Treaten & Trösten bestand anfangs vor allem aus getrocknetem Obst und Unmengen von Mandelmus und selbstgemachten „Energy Balls“.

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Auf Dauer ist aber etwas Interessanteres passiert – es findet in mir gerade eine tiefere Veränderung statt.

Ich suche langfristigere Antworten auf die Fragen „Was gibt mir Energie?“ und „Was macht mir Freude?“.

Es klingt etwas bescheuert, aber ich bin dabei, eine andere Süße zu suchen. Die süßen Stellen im Leben verfolgen, die nicht durch Essen kommen. Sondern (für mich) durch Luft und Handwerk und Bewegung und Schlaf und lustige Momente mit den Menschen, die ich liebe. Oder, wie Adriene auf YouTube sagt: Follow the aliveness, folge der Lebendigkeit. Das sind mehr Spaziergänge, mehr Werkstattzeit, mehr grundlegende Sachen, die mir gut tun, weniger Pflaster und schnelle Kurzlösungen. Das ist eine unsexy, aber sehr schöne Wandlung.

Diese Wandlung verlangsamt und vereinfacht derzeit vieles, und hilft mir, behutsam, aber sehr eindeutig, die Prioritäten zu setzen, die ich gerade brauche.

In meiner Selbständigkeit fokussiere ich mich in diesen Wochen – ganz im Sinne meines Genugjahres – erstmal auf die „Instandhaltung“. Ich will alle Prozesse, die ich laufend habe, und alle Produkte, die ich anbiete, so fein überarbeiten, dass sie gesund und robust und wie von selber laufen. Ich will mir endlich mal Zeit geben, all diese winzigen Haken auszubügeln, die sich in meinen Abläufen verstecken, die sich über die Jahre eingeschlichen haben.

Erst dann, wenn ich all diese Prozesse rundgeschliffen habe und somit ganz stabile Systeme habe, mache ich mich wieder an neue Projekte. Und wenn das ein ganzes Jahr braucht, braucht es eben ein Jahr.

Hundebesuch hilft natürlich sehr beim Freude-Vervielfachen.

Hundebesuch hilft natürlich sehr beim Freude-Vervielfachen.

Wichtig ist mir dabei: Ich will nicht überaufräumen, es geht mir gerade nicht um Ordnung und aufwändige Ordnungsprozesse, sondern um Platz für Intention und Kreativität. Es geht mir um die Klarheit, die mir bewusstes Arbeiten und bewusstes Loslassen und kreatives Durcheinander ermöglicht.

Ich habe inzwischen Werkstattzeit wirklich zu einer Priorität gemacht.

Ich habe mit meinen Goldschmiede-Freundinnen ein Wochenende lang meißeln gelernt, und dann gleich noch ein weiteres komplettes Wochenende mit ihnen werkelnd verbracht. Ich habe meine Werkstatt aufgeräumt, und den ersten richtigen Löffel fertig geschnitzt. 

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Ich stelle dabei fest: Die Zeit alleine in der Werkstatt ist wichtig, und ich lerne viel in meinem Wurschteln dort. Den eigentlichen Schwung aber geben mir die  gemeinschaftlichen Wochenenden, das Glück des gemeinsamen Werkens und drei Paar müder Arme und dreißig sehr dreckige Fingernägel.

Das ist meine Süßigkeit.

Und was war sonst so? Ach ja! Ich habe außerdem meinen ersten Gedichtband fertig gestellt, der „Kommt her ihr Heinis ich will euch trösten“ heißt. 

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Er erscheint nächste Woche bei hochroth München und ich werde ihn auf der Leipziger Buchmesse vorstellen. Was alles so verrückt ist, und auch das: so süß.

Es ist ein Punkt, den ich mit dieser Veröffentlichung hinter die in dem Band versammelten Gedichte setzen kann, und mich ab jetzt, oder zumindest demnächst, wieder komplett auf die neue Geschichte, an der ich ja bereits arbeite, konzentrieren kann.

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Außerdem wird es Frühling und es knospt und blüht überall, was ich jedes Jahr intensiver wahrzunehmen scheine: Kostenlose, beglückende, versöhnende Süßigkeit für uns alle.