Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du unsere Patchwork-Tagebücher und kannst lesen, wie wir gerade Arbeit und Leben verbinden.

I choose to change stuff.

 
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Die letzten Wochen waren grundsätzlich, eigentlich, genau genommen so gut. Ich habe mich auf mehreren Ebenen aus meiner Komfortzone bewegt, ich war mutig und habe neue Schritte gemacht, ich habe Unterstützung erfahren und mich sichtbarer gemacht. Ich bin in meine Verletzlichkeit hinein und habe etwas mit ihr angefangen.

Und gleichzeitig. Gibt es „abers“. Die Intensität, die ich in den letzten Wochen an einigen Stellen meines Patchworks aufgebracht habe, die zu diesen guten Schritten in neue Bereiche geführt hat, die fehlte umso mehr an anderen.

Es ist wie eine zu kurze Bettdecke: Egal, wie ich sie hinziehe, ein Teil von mir ist warm und der andere friert.

Jedes Mal, wenn ich einen Bereich ernster nehme, er spannend und befriedigend wird, ich viel lerne und vorwärts komme, stehen andere Bereiche auf Null. Und ich enttäusche dabei die Menschen, mit denen ich die anderen Themen bearbeite.

Kann ich also entweder überall nur Kleinstschritte gehen, die keinen wirklichen Schwung entwickeln, oder in einem Bereich einen richtigen Schritt machen und dafür in allen anderen Stillstand haben?

Das mag ich nicht glauben. Daran will ich nicht glauben. Ich will nicht so aus diesem Mangel an Zeit oder Energie heraus agieren, ich will keine zu kurze Bettdecke haben, aber ich spüre trotz allem immer mehr, dass ich etwas ändern muss. Ich kann keine fünf Projekte gleichzeitig bespielen. Das ist zu viel gewollt.

Ich bin auch überfordert, ich bin weiterhin überfordert, es sind sehr viele Töpfe, die ich habe und ich weiß selber, dass ich sie nicht alle befüllen kann, und ich ahnte nicht, dass die Gesundheit dieses Jahr so ein großer Topf wird.

Und ich vermute, ich sollte noch viel mehr integrieren, das Zeichnen mit dem Schreiben mit dem Fotografieren mit dem Collagieren, eins daraus machen, das Schreiben für die gute Website mit dem Schreiben für Patchwork mit dem Schreiben für Wepsert mit dem Schreiben für meine Seite mit dem Schreiben meiner Geschichte und meiner Gedichte, ich habe immer und immer das Gefühl, dass es einen missing link gibt, ein Element, das ich noch brauche und dann fällt alles an Ort und Stelle und verknüpft sich und ich finde den einen klugen Ansatz, der alles zu einer Tätigkeit macht.

Wenn ich nur noch schreiben würde, wäre das so eine Art von Ansatz, dann würde ich jeden Tag sitzen und raustropfen lassen und danach entscheiden, wo es hinkommt, aber auch das geht nicht ohne Struktur, ohne Plan und ohne Menschen drumrum.

Ich spüre eine Radikalität in mir reifen, die es mir ermöglichen wird, ein paar Projekte oder Teilprojekte tatsächlich aufzugeben oder deutlich zu verkleinern. Ich spüre, dass ich nicht dauerhaft all das machen kann. Ich spüre, dass sich manche Sachen grundlegend wandeln können, und dass es genau so, wie es ist, nicht weitergehen kann. Ich muss etwas heftig vereinfachen, etwas muss dran glauben.

Ich kann nicht gleichzeitig in drei Räumen sitzen, that’s against the laws of physics.

Ich habe in den letzten Wochen mein erstes Buch veröffentlicht, und auf der Buchmesse daraus gelesen, und mich somit weiter aus mir heraus gewagt, als ich es noch vor einem Jahr für möglich gehalten hätte.

Ich habe begonnen, mich für Stipendien und Artists Residencies zu bewerben, was noch viel mehr Mut von mir verlangt hat, was mich an innere Grenzen gebracht hat, von denen ich sicher war, sie längst aufgelöst zu haben.

Ich habe eine Woche gefastet, was körperlich interessant und herausfordernd war, aber vor allem mental.

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Ich hatte mir dafür richtig Zeit genommen, und mich zumindest aus der Brotarbeit ausgeklinkt, und jeden Morgen habe ich einen dreiseitigen Bericht für mich selber geschrieben, einfach um zu schauen, was aufkommt und was sich in mir bewegt. Und oh, da bewegt sich eine Menge.

Ich habe die verschiedenen vorgeschlagenen Morgenrituale durchgeführt, ich war im Garten und wir staunten etwas sprachlos und fastend-matt die neuen Köhle an, ich lief bis zur Werkstatt und musste mich erstmal setzen, ich muss mich meistens grad erstmal setzen.

Aber ich sitze viel in der Sonne, und spaziere auch ordentlich an der Sonne, und trinke viel, und ich habe den Artikel über die Konferenz jetzt für Wepsert fertig gemacht und ich habe einen kleinen Strauß von aufkeimenden Frühlingsfröhlichkeiten, die mir so fremd sind wie letztes Jahr die exotischen quellenden Samen von Teneriffa, gepflückt und hier fotografiert, in der flachen blendenden Sonne fotografiert, das ist fast ein bisschen Kunst, das ist auf jeden Fall Manifestation der Zeit, die ich mir in diesen Tagen nehme.

Es ist interessant bis erschreckend, was für einen Einfluss diese körperlichen und gesundheitlichen Themen in den letzten Monaten bei mir haben, wie viel Zeit und Energie sie verschlingen. Zum Ende der Woche hatte ich einen riesigen Frust auf jeglichen Gesundheitstipp, auf jede Regel, die mir sagte, wie ich mich bewegen oder ernähren soll oder wie viel Prozent meiner Haut in die Sonne müssen, damit ich die richtige Menge Vitamin D bilde – ihr könnt mich alle mal, dachte ich, ich habe Lust auf Burger.

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Ich habe zum ersten Mal mit einem Presse-Ticket eine Konferenz besucht und gleich sehr kritisch über sie berichtet. Was auch so viel Mut von mir verlangt hat, und ein konstruktives Umarbeiten meiner Wut, und eine sehr genaue Abstimmung mit der Wepsert-Redaktion. Auch das sehr neu, sehr anstrengend, und ich bin sehr stolz darauf.

Ich entscheide mich dafür, hier zu sein.

Als ich mich nach diesen ganzen kleinen Aus- und Neuzeiten wieder an die Geldarbeit machte, schrieb ich über den Satz, der mich dabei ankert: I choose to be here.

Dieser Satz erinnert mich in erster Linie daran, dass ich eine Wahl habe. Dass ich freiwillig hier sitze und an genau dem arbeite, woran ich gerade arbeite. Dass es immer Alternativen gibt. Dass ich mich bewusst für dieses herrliche Durcheinander entschieden habe, und mich nun genau so bewusst für einen konzentrierten, präsenten Arbeitsmoment entscheiden kann.

Dieser Satz erinnert mich daran, dass ich die Verantwortung trage für meinen Tag. Für meinen Prozess.

Dieser Satz ist auch ein Frühwarnsystem.

Er zeigt mir genau an, wann ich mich nicht entscheiden kann dafür, präsent zu sein, und dass dann vermutlich im Hintergrund was los ist, was ich anschauen sollte.

Und das hat er mir recht viel angezeigt in letzter Zeit.

I choose to accept the sadness and shame and slowness that comes with this. I choose to feel it.

Gekoppelt mit einem Stein im Magen, der sich auf meine Geldarbeit bezieht, auf die Frage, ob ich sie vernachlässige zur Zeit, ob der eine verschwitzte Telefontermin schlimm ist, ob ich nicht so viel mehr machen könnte und müsste.

Gekoppelt mit einem Stein im Magen, der sich auf die sehr vernachlässigte Werkstattzeit bezieht, auf das Wiederentdecken meines Handwerks, das ich doch so schnell wieder schleifen lasse, auf die Freundinnen, mit denen ich das neue Schmuckprojekt angehe und mit denen ich daraus etwas bauen will und die ich im Stich lasse, wenn ich das nicht auch eingebaut bekomme in meinen Alltag.

Das ist das jüngste Projekt, und das wackligste im Moment, wir sind immer noch etwas unklar gemeinsam und haben sehr unterschiedliche Antriebe, aber es ist mir gleichzeitig so wichtig.

Mir ist so vieles so wichtig. Wenn Wepsert, so wie in den letzten Tagen und Wochen, so viel Raum einnimmt, dann verdrängt es andere Sachen.

Alles mit Termin, alles mit schwungvollen Beteiligten, alles, das bereits an der Öffentlichkeit ist, verdrängt natürlich die Sachen, die noch im Entstehen sind, die kleinen zarten Pflänzchen, die eigentlich besonderen Schutz brauchen.

Ich will gerade bei den Schmuckplänen nicht allzu viel darüber nachdenken, sondern einfach mehr machen. Das sind Freude-Sachen, die funktionieren mit Freude, so wie ich mich auch zu keinem Löffel zwingen kann.

Aber: Wie bekomme ich das unter? Ich muss es einplanen, ich muss es einbauen, ich muss es als Arbeit begreifen, damit es ein Eigengewicht bekommt gegen die laufenden Projekte. Ich muss die Bettdecke auch dorthin zerren.

Das ist alles Arbeit.

Meine Website-Arbeit ist Arbeit. Patchwork ist Arbeit, Wepsert ist politische Arbeit, mein literarisches Schreiben ist Arbeit, die zärtlichen Briefe sind Spiel und Arbeit, die Bewerbungen für Sachen außerhalb meiner Komfortzone sind absolut Arbeit.

Das ist alles Arbeit! Baby, das ist alles Arbeit. Lesen ist auch oft Arbeit.

Aber ich kann nicht immer arbeiten.

Ich will auch Hobbies, und ich will Pausen. Die muss ich mir nicht erst verdienen. Schnitzen ist Hobby, das muss Entspannung bleiben oder werden. Geschenke machen für Freundinnen ist Hobby, ist Entspannung. Spaziergänge sind Entspannung.

Das sind wichtige Unterscheidungen. Schnitzen darf nicht Arbeit werden, no nono.

Ich glaube, bei diesen Unterscheidungen beginnt meine Versöhnung mit der Bettdecke.

Und bei dem liebevollen Blick auf mich selber, dass ich nicht immer arbeiten kann, will oder soll. Ich will auch mit Leuten abhängen, auch mit neuen Menschen. Ich will mit meinen Freunden reden und kuscheln und an ihren Leben teilhaben. Ich will einfach so aus dem Fenster starren können.

Also: Sometimes I choose to change stuff.

Ich werde all meine Projekte als wirklich gleichberechtigte Arbeit werten und einplanen. Dann verschlanken sich manche Prozesse hoffentlich von selbst, weil ich dann einfach effizienter werden muss. Ich hatte eine lange Phase mit viel Zeit für mich und zum rumrumoren und rumtrödeln, und das war vermutlich nicht immer hilfreich für das Gesamtbild.

Oder ich muss die Basis meines Patchworks anpacken und umstellen, vielleicht wirklich Projekte kürzen, wirklich etwas ändern.

So oder so glaube ich: Jetzt ist Zeit zum ernstnehmen.