Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du unsere Patchwork-Tagebücher und kannst lesen, wie wir gerade Arbeit und Leben verbinden.

Kisten zuklappen.

 
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Letztes Mal habe ich angekündigt, dass ich etwas verändern will, dass ich bereit bin, mein Patchwork mehr oder weniger sachte weiter umzukrempeln.

Denn in letzter Zeit fühlte es sich meistens so an, als hätte ich zu viele Projekte, die ich parallel bedienen will und muss. Dadurch fühle ich mich manchmal unfrei (was das komplette Gegenteil ist von der großen Freiheit, die ich eigentlich suche). Als könnte ich nicht frei entscheiden, was ich mit meiner Zeit mache, als könnte ich nicht auf mich reagieren und auf das, was jetzt im Moment dran ist.

Und es macht mir Stress, weil ich beim Wechseln vom einen in den anderen Modus immer Energie verliere. Weil ich keines der Projekte an den Punkt bringen kann, an dem ich es wirklich will, weil ich oft das Gefühl habe, überall mit Sparflamme unterwegs zu sein und ich selten schnellen, motivierenden Fortschritt sehe.

Jetzt, sechs Wochen später, schaue ich zurück und sehe, japp, ich habe seitdem ein paar Entscheidungen getroffen und japp, die haben etwas verändert.

Natürlich ist, wie immer, nichts final, und natürlich bleibt mein Patchworken ein Prozess, aber ich fühle mich inzwischen besser. Ruhiger. Mein Herz klopft nicht mehr so aufgeregt andauernd hektisch, sondern hat wieder einen gesünderen, gleichmäßigeren Takt. Ich habe nicht mehr so sehr das Gefühl, dass ich dauernd unter Strom stehe und dass es nie aufhören wird und ich immer überall hinterher bin.

Das habe ich gemacht:

Ich habe bei einem Projekt auf den Pause-Knopf gedrückt.

Seit bald einem Jahr entwickle ich mit zwei Freundinnen ein Konzept für ein Projekt, und „eigentlich“ sind wir so nah am Loslegen, am Launchen. Aber irgendetwas fühlte sich noch nicht ganz richtig an. Also eierten wir herum, verpassten unsere Deadlines und verzögerten die nächsten Schritte.

Das habe ich inzwischen gelernt: Wenn ein Projekt stockt, hat es einen Grund. Zähne zusammenbeißen und durchziehen ist meistens keine kluge Reaktion in so einem Fall.

Wir führten einige sehr ehrliche, offene Gespräche über Wünsche und Hoffnungen und Enttäuschungen, und ich musste mir dabei eingestehen, dass ich mich verschätzt hatte in Bezug auf meine Zeit und die Intention, mit der ich das Ganze angegangen war.

Schließlich haben wir beschlossen, das Projekt für ein Jahr zu pausieren. Uns allen Zeit zu geben, andere Sachen zu verfolgen und genauer hin zu spüren, was an dem jetzigen Entwurf noch nicht ganz passt. Um es dann entweder wieder aufzugreifen oder ganz sein zu lassen.

Und auch wenn das schmerzt und ich es nicht wirklich akzeptieren will: Die Pause fühlt sich wirklich erstmal leichter an. Und vielleicht geht es ja nächstes Jahr viel entschlossener weiter.

(In Turin habe ich gelernt, was „Aua“ auf italienisch heißt.)

(In Turin habe ich gelernt, was „Aua“ auf italienisch heißt.)

Also! Eine offene Kiste erstmal geschlossen. Das ist schon mal eine Feier wert.

Ich entwickle mehr Mehrzweckprojekte.

Als ich vor ein paar Wochen in München war, habe ich mich mit meiner Kollegin Maren Martschenko getroffen. In unserem Gespräch hat sie eine Formulierung verwendet, die mich gepackt hat: Sie sagte über ein Projekt, das sei für sie ein „multipurpose project“. Also ein Mehrzweckprojekt, das mehr als einen Zweck erfüllt.

Mein Hirn fing sofort an zu rattern. Was für ein Geschenk des Himmels für uns alle, die wir mehr als eine Arbeit haben!

Aber auch für jeden anderen Menschen sind Mehrzweckprojekte natürlich effizienter und spannender als ein Projekt mit einem einzigen Zweck. Und motivierender: Wenn der eine Zweck dich eine Zeitlang nicht trägt, kann dir ein anderer Energie geben. 

Ich möchte zum Beispiel seit Ewigkeiten endlich wieder mehr zeichnen. Gleichzeitig habe ich sehr oft das Gefühl, dass meine ehrenamtliche Arbeit für den politischen Blog Wepsert zu kurz kommt, weil ich schon an anderen Stellen immer so viel schreibe. Also habe ich inzwischen beschlossen: Ich werde eine Zeitlang für Wepsert vor allem illustrieren. So kann ich zwei einzelne Projekte mit Einzelzwecken zu einem gemeinsamen Mehrzweckprojekt zusammenschmelzen.

Noch zwei Kistchen geschlossen. 

Ich arbeite in einem neuen Rhythmus.

Eine Strategie, die ich immer wieder ausprobiert habe, um Herrin meines Patchworks zu werden, waren Zeitblöcke. Zum Beispiel anderthalb Stunden literarisches Schreiben am Morgen, danach Website-Arbeit und am Abend noch das Redaktionstreffen für Wepsert. Aber so richtig schick lief das nicht. Die Zeit fühlt sich in jedem Block zu knapp an, ich mache keine wirklich sichtbaren Fortschritte, und es kostet mich viel Zeit und Energie um von einem Modus in den anderen zu wechseln. 

Da ich nach wie vor oft das Gefühl habe, ich müsste täglich an allem arbeiten, was mir wichtig ist, fiel es mir schwer, Alternativen zu dieser Strategie zu finden. Ich fürchte sonst, dass alles zusammenkracht, weil ich dann immer irgendeines der Projekte vernachlässige, und sobald ich ein Projekt vernachlässige, verdorrt es augenblicklich und geht ein. 

In den letzten Wochen ruckelte sich aber zum Glück etwas in mir zurecht und ich habe verstanden, was mein Denkfehler bei dieser Art von Planung war: Ich muss mir nicht immer eine Strategie für die Unendlichkeit ausdenken. Ich muss nicht heute entscheiden, was ich jeden Tag von jetzt an für immer mache. Ich kann auch einfach entscheiden, was ich in den nächsten paar Wochen machen möchte. 

Und weil sechs Wochen hier bei Patchwork als Zeitabschnitt so gut funktioniert, und weil ich vor einer Weile mal bei der Software-Firma Basecamp von ihren Sechs-Wochen-Zyklen gelesen hatte, habe ich beschlossen: Ich plane ab jetzt auch radikal in Sechs-Wochen-Abschnitten.

So ungefähr soll das funktioneren

Ich entscheide zu Beginn des Abschnitts, welche Teile meines Patchworks, welche Projekte und Projektchen, für die nächsten sechs Wochen zur Priorität werden sollen. Das entscheide ich auf praktischer Ebene (die und die Verpflichtungen habe ich, das und das Geld sollte ich verdienen) aber vor allem auch auf emotionaler Ebene (dieses Projekt, diese Idee, fühlt sich gerade reif und lebendig an, darauf habe ich Lust). 

Dann definiere ich genauer, was davon ich schaffen will und gehe es mit Vollgas an. 

Nach diesem Arbeitszyklus nehme ich mir eine Woche, um die letzten sechs zu reflektieren und die nächsten sechs zu planen. Außerdem will ich in dieser Zusatzwoche meinen Prozess teilen auf meinen verschiedenen Blogs – somit habe ich während des laufenden Arbeitszyklus weniger Druck zu schreiben und zu zeigen, was ich mache.

Und danach mache ich eine komplette Woche frei.

Wirklich frei, komplett frei. Nicht (zwingend) Urlaub und Wegfahren, sondern eine Woche Sabbatical. In der ich dann vermutlich auch in’s Atelier fahre und auch rumwerkele, aber komplett nach meinem Bauchgefühl und ohne irgendeine einzige Verpflichtung in dieser Woche (Die Inspiration dafür habe ich übrigens von diesem Blog) .

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Noch stecke ich mitten in meinem ersten Arbeitszyklus, kann also noch nicht genau sagen, wie sich das Gesamtkonstrukt macht. Aber bisher finde ich es sehr großartig:

  • Der kleinere Zeitabschnitt mit klareren, kleineren Zielen, ist genau so lang, dass mein Kopf ihn noch begreifen und überblicken kann.

  • Die Plan- und Zeigewoche gibt mir die Gewissheit, dass ich nicht auf Autopilot fahre, sondern dass ich regelmäßig innehalte und mich frage, woran ich wirklich arbeiten will.

  • Und die Freiwoche ist schon jetzt als Versprechen, das ich mir gegeben habe, ein wirksames Werkzeug gegen das Druckgefühl, dass sich manchmal einschleicht – dass es nie aufhört, dass es eine ewig Mühle ist, dass ich nie durchatmen kann.

Es geht immer nur um das, was jetzt gerade eine Priorität ist. Wenn ich jetzt dem einen keinen Raum gebe, kann ich ihm wannanders einen Raum geben, indem ich mich frage: Was sind für die nächsten sechs Wochen meine wilden, starken, klaren Prioritäten? Dann kann ich alles dadrum stricken, mich bewusst entscheiden und bewusst handeln, und es nach sechs Wochen hinterfragen und eine etwas andere Richtung wählen.

Das, was mir jetzt und heute Energie gibt, ist wichtig. Zeichnen ist geil für mich, das weiß ich. Aber wenn es mir heute keine Energie gibt, dann muss ich kein schlechtes Gewissen haben.

Dicke Kiste geschlossen.

Ich frage mich, wie ich mich fühlen will.

Genau diese Energie-Fragen führen zu dem letzten, und vielleicht entscheidendsten, Prozess der letzten Wochen. Auch wenn es etwas albern klingt, und sich zwischenzeitlich auch albern anfühlte, bin ich die „Desire Map“ von Danielle Laporte durchgegangen. 

Es geht in dem Kurs darum, sein Leben nicht nach Zielen und To-Dos zu planen (also nach dem, was man alles schaffen und erreichen will), sondern danach auszurichten, wie man sich fühlen will. Letztendlich ist das Ganze eine Reihe von Fragen und Schreibanregungen, die einem helfen, eine Handvoll Begriffe für die Gefühle zu finden, um die herum man sein Leben strukturieren will.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mich dazu bringen konnte, den Prozess ernst zu nehmen, denn Halleluja hab ich viel dabei über mich gelernt …

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Ich zögere ein wenig, diesen Kurs ganz so leuchtend anzupreisen, wie er sich für mich gerade anfühlt, weil ich der Meinung bin, dass jede und jeder gerade andere Werkzeuge braucht, und es nicht das eine Ding gibt, was allen hilft. Für mich war es offensichtlich das richtige Werkzeug und die passenden Fragen zum richtigen Zeitpunkt.

Diese Art von Herzarbeit ist für mich die wichtigste Prozessverbesserung im Moment, und ich merke, wie sich einiges in mir bewegt und neu umschichtet, wie ich Klarheit und Tiefe gewinne. Ich spüre, was für eine unglaubliche Kraft diese banale Frage, wie ich mich denn eigentlich in meinem Leben fühlen will, entwickeln kann.

Und das führt zum allerletzten Punkt, der eine bewusste Gefühlsentscheidung ist:

Ich hadere nicht mehr so sehr mit meinem Patchwork.

In dieser Podcastfolge mit der Designerin Debbie Millman geht es unter anderem um die Frage einer „Personal Brand“, also die Marke Mensch, die man als Privatperson zum Beispiel auf Social Media inszeniert, die wir aber alle auch ein Stück weit im Alltag verwenden und pflegen. 

Millman sagte, Marken seien dazu da, eine verständliche Geschichte zu erzählen und vor allem eine widerspruchsfreie, gleichbleibende Erfahrung zu versprechen. Wenn wir das als Privatpersonen tun, so Millman, sind wir quasi tot:

Personal brands are only slivers of being human. We restrict ourselves from the best parts of being human.
— Debbie Millman

Ah, und was für eine Bestärkung und Beruhigung das ist. Es ist vielleicht alles gar nicht so wichtig mit der klaren, für anderen begreifbaren Identität, das weiß ich natürlich eigentlich und vergesse es doch immer wieder. Das darf gar nicht fix sein, das soll wabern, wabern ist menschlich, feste Antworten wären eine Personal Brand und damit ein Ende, kein Anfang.

Ich will alles sein, was ich sein kann, das leitet mich, und dafür will ich mich nicht schämen und damit will ich nicht hadern.

Und dann noch eine Ergänzung.

An dem Tag, an dem ich diesen Artikel fertig schrieb, erschien die erste Rezension zu meinem Gedichtband auf fixpoetry.

Es passiert darin genau das, wovor ich mich immer gefürchtet hatte: dass mich jemand über meine Lyrik kennenlernt, mich googelt und dann auf meine Web-Design-Arbeit stößt.

Aber es war gar nicht schlimm. Im Gegenteil.

Auf Ricarda Kiels Website als Web-Designerin steht: „Ich bin nicht auf dieser Welt, um Leuten eine glänzende Oberfläche zu bauen […]“ Diese entwaffnende Ehrlichkeit zeichnet auch ihre mutig „unperfekten“ Gedichte aus, die so lebendig sind, dass sie sich in keine Form pressen lassen, die sie nicht sofort wieder sprengen würden.
— Elke Engelhardt

Das ist doch verrückt, dass ich genau davor so eine Angst hatte, und jetzt verwebt eine mir unbekannte Person auf so leichte Art und völlig selbstverständlich diese beiden Aspekte.

Noch eine Kiste geschlossen. Danke.