Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du unsere Patchwork-Tagebücher und kannst lesen, wie wir gerade Arbeit und Leben verbinden.

Sehen, was ist.

 
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Und schwupps wird aus einem Sechs-Wochenbericht ein Neun-Wochenbericht, aber auch dafür sind wir hier, um damit zu fließen.

Es geschieht viel, ohne dass ich sehr viel tue. Ich sehe viel, oder mir wird viel gezeigt, und offensichtlich will ich sehen. Und es sind ungewöhnliche Dinge dabei.

Ich habe in den letzten Wochen gesehen:

Einen brennenden Schrottberg in Berlin mit tiefdunkler Riesenwolke.

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Ein Klavier, das von einer Burgmauer in Halle gestürzt wurde.

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Eine Massenschlägerei mit 100 Hooligans in München. (Das habe ich vor allem auch gehört, und Tage gebraucht, um das halbwegs wieder aus meinem System zu bekommen.)

Einen rupfenden Falken in meinem Hinterhof. Einen aggressiven Kampf zwischen einem anderen Falken und einer Krähe in der Luft über dem Rosental. Einen sehr mutigen Fuchs mitten in Kreuzberg.

Und dann noch eine riesige, grell leuchtende Feuerkugel über Leipzig. Also eine unglaublich große und unglaublich helle Sternschnuppe, in weiß und grün und blau.

Bei der Feuerkugel fange ich an, das Ganze als Symbol zu begreifen.

Ich kann keine Videos finden von der Feuerkugel, die ich gesehen habe, also fange ich an, andere Videos von Meteoren und Lichtblitzen und kleinen Kometen anzuschauen. Wie schön die Teile sind, wie langsam und schnell und bunt und unterschiedlich sie sein können.

Wie wir sie dauernd auch verpassen.

Wie wir solche Erlebnisse niemals planen können.

Und: Wie unterschiedlich Menschen alles wahrnehmen, alles beschreiben, alles erleben, alles dokumentieren.

Was sehe ich denn wirklich?

Wofür sorge ich, dass ich es sehe, und was verdränge ich?

Das beschäftigt mich, und verstärkt die Frage nach meiner Intuition, nach Intuition überhaupt.

Weil Fragen Werkzeuge sind, und fremde Fragen gut fremde Stellen ausleuchten können, und ich damit noch mehr sehen und noch mehr fühlen kann, greife ich die Moon Lists auf.

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Die Moon Lists sind eine Reihe von Fragen, die man sich monatlich, zum neuen oder vollen Mond oder wann auch immer man mag, stellen kann. Dazu gibt es veröffentlichte Interviews und ein Buch, aber im Kern geht es um die Fragen.

Das sind die Fragen, und meine Antworten, für September:

(Und klar: Mach’ mit und beantworte die Fragen für dich, genau so ist es gedacht.)

Wie ist dieser September anders als frühere September?

Er ist unwahrscheinlich dicht. Ich habe kein sauberes, aufgeregtes Gefühl von Neubeginn – Schulbeginn –, sondern von einem Hagel von Dingen, Eindrücken, Erlebnissen, Gefühlen, die auf mich niederregnen, die ich in Teilen aufsammele und betrachte, denen ich in Teilen ausweiche, und manche lasse ich einfach auf mich niedergehen.

Es ging viel um Uneindeutigkeit, um das Vermeiden von faulen Gleichungen, darum, dass alles nebeneinander und ineinander steht und stehen kann, dass ich darum kein Aufheben machen muss, es ist so viel, dass ich gar kein Aufheben mehr darum machen kann.

Welche Geschmäcker oder Kombinationen von Geschmäckern waren häufig?

Selbergemachtes Zwetschgenmus und Nussmus. Nuss-Crumble auf Gartengrün. Dicke Haferflocken in Milch. Schokodinkelbrezeln. Die letzten Tomaten der Saison, die bereits eine dickere Schale tragen. Zupfsalat im Pilot. Waffeln mit Schlabbersahne.

Ein Fremder, eine Fremde: Eine bedeutungsvolle oder bemerkenswerte Interaktion mit jemandem, den oder die du nicht kennst.

Wie die ältere Frau an der U-Bahn Haltestelle lachte, als sie sah, wie ich meine Armreifen wieder vom Rucksack löste und anzog.

Was war dein Verhältnis zu oder mit Informationen?

Festzustellen, wie abhängig ich von einer medialen Berichterstattung bin über ein Phänomen, das ich selber erlebt habe – die Schlägerei, die Feuerkugel –, das war erschreckend für mich. Als ob ich mir selber nicht glauben würde, als ob ich das alleine nicht deuten könnte. Aber vermutlich kann ich das alleine nicht deuten, denn wir sind soziale Tiere, und ich will dringend wissen, ob und wie andere das erlebt haben, was ich erlebt habe.

Ein Freund, eine Freundin: Eine bedeutungsvolle oder bemerkenswerte Interaktion mit jemandem, den oder die du sehr gut kennst.

Das Baby meiner besten Freundin zu baden: Es liegt in meiner Armbeuge und schaut mich neugierig erstaunt an, es vertraut uns, vertraut darauf, dass ich seinen Ellenbogen halte und seinen Kopf so über dem Wasser fixiere, dass ihm nichts zustößt, dass das Wasser warm ist. Es schaut mich an mit seinen dunklen Augen, sieht mich, lächelt manchmal, es ist da und selbstverständlich und warm und echt, da gibt es nichts zu bedenken oder bereuen oder zu überlegen, ich bin seine Tante und will ihm alles schenken.

Und: Einem Freund ein ernstes Feedback zu einem Text zu geben, der mich sehr lange beschäftigt und stellenweise wütend gemacht hat, und er nimmt die Kritik offen und aufmerksam an und verarbeitet sie, und damit bekommt unsere Beziehung keinen Riss, sondern wird tiefer und ehrlicher und fester.

Wo hast du eine Grenze gezogen – entweder innerlich oder ausgesprochen?

Ich bin auf einem Literaturfestival (das ansonsten sehr schön und auf gute Art irritierend war, und eigentlich ein absoluter „Safe Space“ für mich war) von einem Bekannten auf eine Art angefasst worden, mit der ich überhaupt nicht einverstanden war – und ich konnte ihm sehr schnell und sehr deutlich klarmachen, dass das übergriffig war und ich inzwischen null Toleranz für so etwas habe. Und ich konnte sofort die anderen Menschen um mich involvieren, die mich dann in dem Moment unterstützen konnten, was auch extrem hilfreich war.

Manifest: Was ist in Erscheinung getreten, was bisher in Bearbeitung war?

Die Gesamtform der Geschichte, an der ich gerade schreibe – das traurige, ächzende, ziehende Ende.

Was hast du an Kulturgütern konsumiert, heiss und innig geliebt, entdeckt, wieder entdeckt …?

Der dichte und sehr berührende Film Leave no Trace. Tom Waits, weil Tom Waits. Das Graphic Novel Der Ursprung der Welt, das mir geschenkt wurde mit den Worten „dieses Buch darf in keinem Haushalt fehlen“, was absolut richtig ist. Der alte Schinken Die Wolfsfrau, der ebenfalls in keinem Haushalt fehlen darf. Der verstörende und ebenfalls schon etwas älteren Roman Written on the Body. Die Band Karate, immer und immer wieder Karate. Und dank Lana del Reys grandiosem Cover von „Doin’ time“ habe ich Sublime wieder entdeckt, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mir fehlten.

Und wie war das mit dem Patchworken so?

Stimmt. Da war ja noch was. Das Arbeiten, und meine verschiedenen Aspekte und der Versuch unter einen Hut und so.

Irgendwie passiert derzeit auf allen Fronten etwas.

Für Wepsert haben wir (nach einer sehr intensiven Sommer-Klausurtagung) beschlossen, dass wir größere Projekte entwickeln wollen, und haben in nur vier Wochen eines entwickelt und einen Antrag dafür fertig geschrieben. Zu dem ich hoffentlich dann bald mehr sagen kann. Crazy Times sind das, und ein großer Schritt für uns, der mit einem neuen Selbstverständnis von uns und unserer Plattform einhergeht.

Ich habe viel weiter geschrieben an meiner Erzählung-in-Gedichten, ich komme voran und bereite mehrere Lesungen vor. Außerdem war das ULF-Festival in Nürnberg insgesamt ein schöner und guter Impuls, eine Motivation, weiter zu schreiben und mich und uns weiter zu vernetzen.

Ansonsten hatte in den letzten Wochen irre viele Kund:innentermine – nach meiner Auszeit im Sommer hatte sich einiges angestaut. Aber auch die sind insgesamt divers und anregend, und ich habe auf diegutewebsite.de eine neue Serie begonnen, bei der ich Menschen beleuchte, mit denen ich gemeinsam eine Website erstellt habe, oder die mit meinem Kurs eine Seite erstellt haben.

Dabei merke ich wieder einmal: So lange ich die Menschen, mit denen ich arbeite, für die ich arbeite, in den Vordergrund stelle, so lange es deutlich sichtbar um Beziehungen geht und wie wir alle mit unseren Leben klarkommen und versuchen klarzukommen, so lange interessiert es mich. Dann bin ich dabei und präsent.

Zusammengefasst: Das läuft.

Das läuft als mein Leben, das läuft anstrengend, das ist mal ausgewogener und mal nicht, aber es geht voran. Und ich glaube weiterhin an meinen Sechs-plus-zwei-Wochen-Plan, an die Luft und den Fokus, die ich mir dadurch schaffen kann. Auch in verrückten, hagelnden Zeiten.

Ich glaube mir selber immer mehr, dass ich fließen kann. Dass ich spüre, was ich täglich machen muss (Schreiben, Handstand, etwas Ordnung), und was ich in Blöcken angehen kann. Dass ich unterschiedliche Regeln für unterschiedliche Bereiche und Phasen haben kann.

Ich will ein Leben führen, in das eine Feuerkugel hineinpasst, in das sie eine Delle schlagen kann, und das gelingt mir immer mehr.


[Die ersten beiden GIFs sind Aufnahmen von mir, alle weiteren stammen aus den jeweils verlinkten Videos/Seiten.]