Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Ein Abschied, ein neues Ich und Bilder davon.

 
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Fangen wir wieder bei meinen neuen Räumen an – denn die leiteten ja auch meinen ersten Bericht ein. Die Hauptfrage, die mich beschäftigte, war: Wie nutze ich diese drei Räume denn jetzt eigentlich?

Das habe ich lösen können, so viel schon vorab! Aber es war ein holpriger Weg dorthin in den letzten sechs Wochen.

Loslassen, verabschieden, ankommen

Holprig vor allem deshalb, weil ich ja erstmal aus meiner Werkstatt in München ausziehen musste  – und das bedeutete auch, einen Raum, den ich mir jahrelang mit meiner engsten Freundin geteilt habe, aufzugeben. Was mir nur zögernd und schmerzlich gelungen ist, und eine eigene Art von Trauerarbeit mit sich brachte.

Die ersten Tage im neuen Atelier waren … langsam.

Ich stehe sehr viel einfach nur hier rum. Schaue aus dem Fenster, beobachte die große Linde mit den kleinen Vögeln darin, beobachte, wie gegenüber immer irgendwo ein Fenster geputzt wird. Schaue in ein Buch. Schaue auf meine Zeichnungen. Ich arbeite vor allem daran, keinen Frust zuzulassen, sondern alles sinken zu lassen, um dann, irgendwann, weiter zu machen. Ich kann noch nicht wissen, was ich mit meinem Raum, mit meiner Zeit, mit meinen Händen mache. Das ist neu.

Ich muss diese Phase aushalten, dieses Umherstarren und beinah nichts denken. Ich muss dabei bleiben, auch wenn ich hundert Mails beantworten, hundert Website-To-Dos erledigen könnte. Ich wollte mich hier hören, also muss ich mir hier Zeit geben, um mich eventuell irgendwann hören zu können.

Ein neues Ich bauen

Kurz darauf, nachdem eine Kundin da war und wir mit großer, ehrlicher Freude ihre Website bauten, schrieb ich:

Ich lasse mir immer noch viel zu schnell eine Panik machen. Dann sitzt das so auf und in mir, dann rase ich von Seite zu Seite …

Andererseits: Ist es schlimm, dass ich aufgeregt oder nervös oder angespannt bin? Was erwarte ich denn, dass ich das gar nicht mehr bin? Ich erwarte, dass ich es früher spüre, dass ich es beobachten kann, dass ich vielleicht anders reagieren kann. Aber ich erwarte keine Perfektion, kein Leben in altrosa mit goldener Schrift vorne drauf, ich will mich von diesem Perfektionsbild nicht mehr aufgeilen lassen, sondern nur von echtem Lachen und neuen Momenten und kalter Abendluft und ein Bier und ein Brot, all diese Zwischenfasern, auf die es ankommt.

Wir versuchen es alle sehr. Gesund zu werden, ganz zu werden, uns zu lieben, andere zu lieben, glücklich zu sein. Die Bienen zu schützen, die Meere zu schützen, die Gesellschaft ernst zu nehmen, Positionen zu behalten, Kompromisse zu schließen, vorwärts zu machen, glaubwürdig zu sein, schön zu sein, die anderen zu spüren.

Ich spüre, dass sich Prioritäten in mir verschieben. Dass ich inzwischen genauer spüre, was wirklich wichtig ist, was sich wirklich anders anfühlt, was etwas in mir und in anderen bewegt, und was einfach nur Klimbim ist.

Und so zog die Abschiedsphase langsam weiter. Musik hilft, Mittagessen kochen hilft, Sprechen hilft. Schreiben hilft.

Bilder aus dem Jetzt (woher auch sonst?)

Zehn Tage nach dem Umzug hatte ich einen Termin für ein Foto-Shooting im neuen Atelier, mit einer Fotografin, die ich bis dahin noch nicht kannte. Die Fotos brauche ich für die Neugestaltung meiner Website. Mit Schrecken wurde mir klar, was das bedeutet: Dass die Basis meiner geschäftlichen Neugestaltung Fotos aus einer absoluten Umbruchphase werden – ich schwebend zwischen Identitäten, die Räume kaum eingerichtet und noch weniger eingelebt.

Lustigerweise war das, was mir in dieser Phase dann besonders geholfen hat, ausgerechnet dieses Foto-Shooting. 

Es hat mir geholfen, meine Räume anders zu sehen, das Licht tagelang vorher zu beobachten, zu überlegen, wo das Licht am schönsten sein könnte, welche Teile von mir ich wie zeigen möchte.

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Und Marlène, die Fotografin, hat mir so gut getan – sie gibt mir das Gefühl, dass lebendig gut ist, dass unordentlich gut ist, dass ich schön bin, dass das alles irgendwie richtig so ist.

Und wir hatten so einen Spaß! Ich spüre mit ihr die Bedeutung von „Playtime“, von einem spielerischen Arbeiten. Von rausgehen und schauen, Farben suchen und Orte und Stimmungen, zur Sonne rennen wie kleine wilde Tiere, das ist Arbeit und überhaupt keine und wir lachen so viel, dass alle sich umschauen.

Ein Bild kann immer nur ein Schnappschuss aus einem Zyklus sein, genau wie auch jeder Text nur eine Momentaufnahme ist. Ich beschließe: Ich will der Veränderung begegnen, indem ich mehr veröffentliche, mehr zeige – nicht weniger.

Analoge Räume schaffen

Der zweite Aspekt, der mir ganz praktisch geholfen hat, in den Räumen anzukommen, war ein Gedanke von Austin Kleon, den er in diesem Interview formuliert:

The notebook is the place where you figure out what’s going on inside you or what’s rattling around. And then, the keyboard is the place that you go to tell people about it.
— Austin Kleon

Austin macht sich Gedanken über analoge und digitale Werkzeuge: In deinem Notizbuch sortierst du, was in dir drin los ist, und dann gehst du an die Tastatur, um anderen davon zu erzählen.

Dieser Ansatz führte mich zu einem schönen Aha-Moment: Ich will die Nutzung meiner Räume nach Art der Tätigkeit sortieren, und nicht nach dem Patchwork-Bereich. Sprich ein Schreiben-von-Hand-Ort und ein Computer-Ort im Gegensatz zu einem Lyrik-Ort und einem Website-Ort.

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Das bedeutet für mich: Ich habe jetzt zwei kleinere analoge Räume und einen großen digitalen.

Die analogen Stationen enthalten keine Computer, brauchen kein Internet. Hier schreibe ich von Hand das auf, was ich in mir höre, mache die Zeichnungen und Collagen, die ich in mir sehe. Hier werde ich meine Werkstatt aufbauen. Musik höre ich hier mit CDs und Kassetten (jap), Inspiration kommt aus Büchern und dem Blick aus dem Fenster. Der digitale Raum ist nach außen gerichtet – hier ist die Loggia, hier ist Licht, hier sitze ich am Computer, editiere und kommuniziere die gefassten und von Hand notierten Gedanken mit der Außenwelt.

Verknüpfungen wirklich zulassen

Darunter liegend ist aber ein weiterer Aha-Moment verborgen, und der ist fast noch spannender: Der eine Bereich will in den anderen verwebt werden.

Was für mich an Vorgehensweisen im Schreiben funktioniert, kann mir auch bei der Website-Arbeit helfen. Die Collagen, die ich für meine neuen E-Book-Cover mache, können meinen Blick auf andere Bilder schärfen.

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Ich habe ewig gebraucht bis zu diesem Punkt, aber langsam erkenne ich den Reichtum in der Vielfalt meiner Arbeit.

Indem ich allmählich alle Bereiche gleich ernst nehme, und ihnen mit den gleichen Werkzeugen und Herangehensweisen begegne, dürfen sie viel mehr. So schaffe ich immer stärkere Verknüpfungen, immer tiefere Verwebungen, und damit, noch kaum greifbar, kaum fassbar, aber ein ganz kleines bisschen vorhanden: einen inneren Raum  für ein „Gesamt-Ich“.

Ich stelle fest, wie sehr mir das offensichtlich gefehlt hatte. Es gab und gibt in mir sehr unterschiedliche Ichs, aber langsam erahne ich die, die in allen drinsteckt. Die sich überall zeigen kann. Die auf den Fotos sein darf.

Das war der eigentliche Erfolg der letzten Wochen.

Die praktischen Punkte

Dazu kamen weitere schöne Dinge, der Launch dieser Plattform natürlich allen voran, und die wunderbar bekräftigenden und spannenden Rückmeldungen dazu, die tollen Antworten auf unseren Fragebogen – das macht so viel Kraft und Freude!

Literarisch geschrieben habe ich in dem Gewusel der letzten Wochen kaum. Dafür hatte ich eine sehr schöne Lesung im Vogelsaal des Naturkundlichen Museums in Bamberg, als Teil des wunderbaren Schamrock-Festivals der Dichterinnen, und ich habe ein Texttreffen in Leipzig angestoßen, zum Vernetzen und Besprechen von Texten.

Für „Die gute Website“ habe ich begonnen, neue Produkte zu konzipieren, die meine neuen Räume mit einschließen – aber dazu beim nächsten Mal mehr.

Die Sache mit den Mails ist und bleibt schwierig, vor allem durch mein vieles Unterwegssein, aber ich übe weiter. Was mir dabei hilft, sind Positionen von anderen, die ebenfalls mit diesen Themen kämpfen. Besonders ermuntert haben mich in letzter Zeit dieser Artikel (auf englisch), der sehr klar fragt, ob du für deine sinnvolle Arbeit oder deine schnellen Mail-Antworten bekannt sein möchtest.

Und dieses Zitat aus diesem Artikel:

You’ll let people down, okay?

It’s part of it. You can’t avoid it. It is actually, physically impossible for you to be everywhere and do everything and be everything to everyone with a plate of fucking cookies in your hand.
— Ashley Ambirge

Ash sagt: Du wirst Menschen enttäuschen. Das gehört dazu. Das kannst du nicht vermeiden. Es ist schlichtweg rein physikalisch unmöglich, überall zu sein und für jeden alles zu tun und alles zu sein, und dann noch blöde Kekse für alle dabei zu haben.

Aaaaah. Gleich nochmal lesen, und am besten ausdrucken – wir geben doch wirklich alle unser Bestes, und versuchen so sehr, alles immer richtig zu machen, aber manchmal (oft) (meistens) wären wir und alle um uns so viel besser bedient, wenn wir besser Prioritäten setzen könnten.

Das nehme ich mir als Aufgabe für die kommenden Wochen vor:

In den nächsten sechs Wochen will ich den Tag der Woche, den ich mir für Administration und Orga-Sachen geblockt habe, wirklich als reinen Admin-Tag betrachten, und zwar für alle Bereiche. Und nicht auch noch Beratungen und Telefonate und andere Kundentermine da reinpacken.

Alles, was nicht erledigt wurde, was rumliegt, alle Telefonate, alles Einkaufen, alle Mails … Alles will ich mir am Mittwoch vom Hals schaffen. Alle offenen Gedankenkreisel schließen. Ich werde mit Sicherheit lernen müssen, dass dafür kein Tag ausreicht, also werde ich priorisieren müssen. Aber das ist ok. Ich mache, so viel ich schaffe, und dann ist gut.

Prompt kriecht an der Stelle natürlich auch wieder eine Panik hoch: Wie, einen ganzen Tag nur für den Krempel? Dann bleiben für deine Website-Arbeit, deine Geldarbeit, ja nur zwei Tage in der Woche!

Aber ich erinnere mich dann daran: Zwei volle Tage in der Woche sind eine Menge. Sie sind nicht viel, wenn ich sie mir selber zerrupfe mit Anrufen, Besprechungen, Terminkoordinierungen, Mails, whatever. Aber wenn das zwei mal acht Stunden sind, in denen ich fokussiert arbeiten kann? Bin ich dabei, und bekomme ich was geschafft.