Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Ganzheit statt Glück.

 
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Ein Verein und eine Werkbank

Anfang Januar war die Wepsert-Redaktion zum Arbeitsbesuch hier in Leipzig und wir haben (unter anderem) beschlossen, dass wir einen Verein gründen, zur Förderung von Kunst und Kultur und der Gleichberechtigung aller Geschlechter.

Damit habe ich nun noch offizieller vier Tätigkeiten – meine Website-Beratungsarbeit, mein literarisches Schreiben, die Arbeit an der Patchwork-Plattform und nun meine politische Arbeit, für einen Verein in Gründung.

Mitte Januar war mein Vater zu Besuch und wir haben gemeinsam eine neue Werkbank für meinen dritten Raum gebaut, der jetzt somit wirklich eine Werkstatt ist. Zwar noch nicht komplett nutzbar, auch die darf und sollte noch wachsen, aber die Basis ist geschaffen.

Damit habe ich nun offiziell drei Räume mit völlig verschiedenen Schwerpunkten  – ein analoger Zeichen-und-Denk-Raum, ein Büro-Workshop-Raum mit Whiteboard, eine Werkstatt für Holzbearbeitung und zum Goldschmieden. 

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Noch nie habe ich meinem Patchwork direkter in die Augen geschaut als in diesen letzten Tagen.

Es macht mir tausend Arten von Freude – und eine ganz schöne Angst. Mit jedem Element, das ich dazunehme, frage ich mich: Ist das jetzt zu viel? Kippt damit alles um? Darf ich zusätzlich zu diesen vier beruflichen Tätigkeiten auch noch eine Einfach-so-Werkstatt haben: Darf ich zum Feierabend wirklich ein Zimmer weiterziehen und schnitzen?! Oder anders gefragt: Macht das Sinn für mich?

Ich habe Angst, dass ich doch zu viel mache.

Ich will mein Maß finden. Also lade ich mir so viel auf den Teller, bis ich merke – uaah, das ist eins zu viel. Allerdings funktioniert das nur in der Theorie: Meine Projekte werden immer stärker zu gemeinsamen Projekten mit geteilten Verantwortlichkeiten, da kann ich nicht einfach rausspringen, wenn ich merke, dass es doch nicht so locker läuft.

Vielleicht ist das Maß, die Menge an Themen gar nicht so wichtig. Vielleicht ist entscheidender: Ich will einen Rhythmus finden, der es mir erlaubt, intensiv und völlig präsent an dem zu arbeiten, was gerade dran ist.

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Und das ist tatsächlich richtig gut gelaufen in den letzten Wochen. Ich habe meine Teilzeit-Methode durchgezogen und immer wieder in intensiven drei bis vier Tagesblöcken an jeweils einem Thema gearbeitet.

3 volle Tage Wepsert-Sitzung mit meinen Redaktionskolleginnen. 4 Tage intensive Konzeption eines neuen Mitgliederbereiches für „Die gute Website“ zusammen mit meinem Bruder (der es programmieren wird). 2 Tage Werkstattbau mit meinem Vater. Und die restliche Arbeitszeit aufgeteilt zwischen dem Schreiben und meiner Website-Arbeit, grob halb/halb.

Schön daran war, dass ich zum Ende eines Blockes jeweils gut was geschafft hatte und gleichzeitig wieder richtig Lust auf das nächste Thema hatte. Ich merke mir also:

Mein Maßstab für die richtige Menge an Zeit, die ich einem Thema gebe, ist so lange, bis ich wirklich Lust auf das nächste habe.

Mit täglichem Wechseln zwischen den Themen, wie ich es früher mal ausprobiert hatte, war das nicht gegeben. Da hatte ich mich gerade halbwegs eingearbeitet und war angekommen, als es schon zum nächsten ging, und das fühlte sich an wie ein Wegzerren, nicht wie ein freudvolles Wechseln.

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Dann habe ich noch etwas festgestellt in den letzten Wochen: 

Der Begriff „Hobby“ ist nicht hilfreich für mich.

Hobby heißt ja klassischerweise etwas, was Freude macht und an dem man lernt, das aber kein Geld bringt. Mit meinem immer tieferem Hineinsinken in die Realität und Theorie des Patchworkens stelle ich fest, dass diese Unterscheidung für ein gelungenes Patchwork keine große Rolle spielt. Im Gegenteil, es schafft eine Wertung zwischen zwei Bereichen, die eventuell gar nicht sinnvoll ist.

Die Anregung dafür bekam ich aus dem schönen Buch von Emilie Wapnick „How to be Everything“. Sie beschreibt dort, dass das Arbeitsleben eines „Multipotentialites“ drei Aspekte ernst nehmen muss, wenn es sich gut anfühlen soll: Money, Meaning und Variety; also Geld, Sinn und Abwechslung.

Klar: Mindestens ein Teil unseres Patchworks sollte uns das Geld geben, das wir zum Leben brauchen, was immer das für uns bedeutet. Aber wenn wir nur diesen Aspekt erfüllen würden, wären die meisten von uns vermutlich nicht ganz zufrieden – und dass ein Arbeitsbereich gleichermaßen Geld und Sinn und Abwechslung einbringt, ist relativ selten. Also schlägt Emilie vor, dass wir patchworken, und zwar so, dass wir die Menge an Geld, Sinn und Abwechslung in unser Leben bringen, die wir gerade benötigen.

Wenn ich das ernst nehme, gibt es im Patchwork gar nicht die strenge Unterscheidung: „Das bringt kein Geld, das ist also ein Hobby!“ Nur weil ein Bereich nicht finanziell beiträgt, heißt nicht, dass er nicht einen wichtigen Patchwork-Wert beitragen kann.

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Also beschließe ich: Meine Werkstatt-Zeit, egal ob ich ein altes Regal abschleife oder einen Löffel schnitze oder mich wirklich wieder an Schmuck wage, ist ein wichtiger Teil meines Patchworks. Denn er gibt mir dringend benötigte körperliche Abwechslung – fast alle anderen Elemente meines Patchworks finden vor dem Computer statt, und das halte ich kaum aus. Und somit: streiche ich den negativ wertenden Begriff „Hobby“ aus meinem Wortschatz.

Ganzheit vs Glück

In dem Zusammenhang tauchte in den letzen Wochen noch ein schöner Gedanke auf. Er fiel mir in den Schoß durch dieses Zitat von dem Sozialforscher Hugh Mackay.

Hier ein Auszug daraus:

The idea that everything we do is part of the pursuit of happiness seems to me a really dangerous idea and has led to a contemporary disease in Western society, which is fear of sadness. […]

Wholeness is what we ought to be striving for and part of that is sadness, disappointment, frustration, failure; all of those things which make us who we are. […]

I’d like just for a year to have a moratorium on the word “happiness” and to replace it with the word “wholeness”. Ask yourself “is this contributing to my wholeness?” and if you’re having a bad day, it is.
— Hugh Mackay

Auf deutsch, in etwa:

„Die Vorstellung, dass alles, was wir tun, Teil unserer Suche nach Glück ist, ist eine gefährliche Idee für mich, die zu einer zeitgenössischen Krankheit führt, nämlich Angst vor Traurigkeit. […]

Ganzheit ist was wir eigentlich anstreben sollten, und Teil davon ist Traurigkeit, Enttäuschung, Frust, Versagen; all diese Dinge machen uns zu denen, die wir sind. […]

Ich würde gerne ein Jahr lang das Wort „Glück“ mit dem Wort „Ganzheit“ ersetzen. Frag dich: „Trägt das hier zu meiner Ganzheit bei?“ und wenn du einen schlechten Tag hast, dann tut es das.“

Das könnte ich mir grad als Erinnerung überall hin schreiben, das ist ein Patchwork-Kerngedanke, wunderschön auf den Punkt gebracht: Wir brauchen all das. Wir brauchen die zähen Phasen und die Durststrecken und die großen Fragen, an denen wir beinah verzweifeln. Was sich im Endeffekt wirklich gut anfühlt, ist nicht ein singulärer Glücksmoment, sondern das Gefühl, alles zu sein, was du sein kannst.


Das nehme ich mir als Aufgabe für die kommenden Wochen vor:

Das mit dem reinen Admin-Tag, der Orga-Kram für alle Bereiche enthält, den ich mir im letzten Bericht vorgenommen habe … naja, das ist noch nicht wirklich was geworden. Was vor allem daran lag, dass meine oben beschriebenen Arbeitsblöcke immer wieder in meine normale Wochenstruktur eingegriffen haben, und ich noch andere Termine auf die Admin-Tage gelegt hatte.

Immerhin hatte ich die kommenden Wochen im Blick, und da sind meine Admin-Tage noch weitestgehend frei – auf ein Neues also!

Dazu nehme ich mir vor, die Werkstatt ohne schlechtes Gewissen zu nutzen, und weiter mit meinen Halb-Halb-Blöcken zu arbeiten.

Im Februar kommen außerdem meine ersten beruflichen Reisen dieses Jahr dazu, und ich nehme mir vor, unterwegs genauso sorgfältig darauf zu achten, wie präsent ich überhaupt noch in einem Thema sein kann, und notfalls einen Ausgleich zu schaffen.

 

Die Portraitbilder von mir, sowie die beiden unteren Atelierbilder in dem Artikel, sind von Marlène Meyer-Dunker, und sind anlässlich meiner Website-Überarbeitung entstanden.