Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

In die Tiefe wachsen.

 
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Neue alte Gründe für eine gestückelte, flexible Selbständigkeit.

Alicia und mich hat es beide etwas umgehauen in den letzten Wochen. Wir haben gesehen und gespürt und geben zu, dass unser beider Hochsensibilität, unser Bedürfnis nach Kunst, nach Reflektion, nach etwas Anderem, zusammen mit der Unmöglichkeit, so mit der Welt umzugehen, wie einige um uns das tun, dass all das auch sehr valide Gründe für eine Selbständigkeit und ein Patchwork sind.

Und in diesem Spüren bin ich heftig dankbar für mein Patchwork. Wie gut, wie gut!, dass ich durch meine gestückelte Existenz Platz machen kann für Trauer, für spontane Flüge, um meiner Familie zu helfen, für ein langsames Zurückkommen.

Ich habe Platz für die traurigen und nachdenklichen Momente, den zeitlichen und räumlichen und finanziellen Platz, aus meinen Erfahrungen zu lernen. Sie anzuschauen. Meine Tagebuch-Texte umzuarbeiten in Blog-Beiträge. Und dann in Patchwork-Beiträge. Und vielleicht dann irgendwann in Bücher oder Angebote, oder auch nicht.

Wir dürfen in unserer Kommunikation ehrlich sein, und das tut uns gut.

Wir dürfen vollständiger werden, und die schlechten Tage dabei benennen, und die angeblich schwachen Seiten.

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Das ist ein riesiges, unglaubliches Privileg.

Ja, ich habe mir diese privilegierte Situation ein ganzes Stück weit erarbeitet in den letzten zehn, zwölf Jahren.

Aber ja: Ich habe auch heftig viel Glück gehabt, Glück-im-Unglück-Glück und reines, richtiges Glück.

Tausend Dinge sind zusammengekommen, für die ich nichts kann und von denen ich jetzt profitiere. Ich kann, muss und will dafür einfach dankbar sein – und gleichzeitig darf ich nicht vergessen, dass andere Menschen andere Geschichten und andere Schwierigkeiten haben, und dass mein Rat und meine Ideen nicht für alle gelten können.

Mir wird immer klarer, wie ich wachsen will.

Was mir in dieser letzten Zeit auch so sonnenklar wurde: Ich will nicht in die Höhe wachsen. Ich will in die Tiefe wachsen.

Ich habe meine Themen, ich habe meine Formate, ich habe meine Vorgehensweisen. Ich habe eine stabile Basis, und ich muss auch den Moment finden, an dem ich sage: „Stopp, ja, hier ist es gut. Hier kann ich arbeiten, hier muss ich mich nicht dauernd neu beweisen, hier kann ich Experimente und inhaltliche Risiken eingehen, hier kann ich Künstlerin sein. Und nicht nur Expertin für dieses oder jenes. Hier kann ich vollständiger werden.“

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Mir wird immer klarer, wie ich nicht wachsen will.

In den letzten Wochen sind mir immer wieder Beispiele angetragen worden von einer Art Wachstum, die ich überhaupt nicht brauche, Beispiele von Coaches, die Selbständigen zeigen wollen, wie sie eine Million verdienen oder wie sie Facebook-Gruppen nutzen, um für mehrere Tausend Euro ein Coaching-Programm zu verkaufen.

Ich meide diese Art von Pseudo-Anleitung normalerweise, und als ich mich für meine Kundinnen damit beschäftigt habe, musste ich schwer schlucken. Das sind Damen, die sich in Cocktailkleidchen sitzend vor ihrem Macker fotografieren lassen, und er reckt triumphierend den Arm in die Höhe, und auf dem nächsten Bild sitzen sie auf einem Ferrari oder einer Yacht. Oder, in der „netteren“ Variante,  eine Aufnahme nach der nächsten von einer langhaarigen Coaching-Guru-Frau im Blümchenkleid am Strand.

Obwohl das dermaßen billige Motive sind, wenn man es ausbuchstabiert, funktionieren sie – auf eine Art. Denn das Geld-Thema ist ja eines, mit dem leider speziell Frauen immer noch massiv zu kämpfen haben, und es gibt so wenig Beispiele von Frauen, die selbstbewusst mit ihrem selberverdienten Geld umgehen, die souverän zeigen, was sie haben, die darüber sprechen, was sie verdienen und wie sie es sich verhandelt haben.

In dieser gähnenden Lücke tauchen dann die Cocktailkleidchen auf und versprechen dir, dass du jetzt dran bist, dass du auch Reichtum verdient hast, dass das geht. Also mit ihrem Coaching-Programm, natürlich.

Dass diese Masche in bestimmten Momenten zieht und überzeugt, kann ich verstehen.

Und gleichzeitig: Jesses tut mir das gut, mir klar und klarer zu machen, dass ich das nicht brauche! Dass ich immer weniger brauche. Dass ich schon eine Art von Reichtum habe, ganz ohne Mille am Schlüsselbund.

Patchwork is also about: Getting your priorities straight.

Fokus heißt ja, bestimmte Dinge auszugrenzen. Nicht zu tun. Gegen etwas zu sein, um für etwas sein zu können. Das spüre ich immer mehr, und ganz viel davon wurzelt in einem Gefühl von „Ich habe genug“.

Ich hatte viele Phasen, in denen mich diese „endlich sechsstellig verdienen“ Versprechen auch sehr angezogen haben. Es ist ja möglich, man sieht es doch bei den anderen, warum sollte das dann nicht auch bei mir klappen? Wäre das nicht der Hammer, würde ich damit nicht tierisch die Leute um mich beeindrucken? Wie cool wäre das denn, sich wirklich einfach so das Meiste kaufen zu können, wie einfach wäre das Leben dann?

Bis ich irgendwann mal deutlicher in mich hineingehorcht habe, was ich denn eigentlich will. Und dann wurde mir klar: Ich will mehr inhaltlich erreichen, nicht finanziell. Ich will künstlerisch arbeiten, und politisch, und ich will mehr Zeit und Ruhe. Aber nicht mehr Geld. 

Und sechsstellig verdienen, ohne zumindest am Anfang richtig Zeit und Energie zu investieren: that’s not happening.

Ich bin angekommen in Leipzig, ich sollte in etwa so weiterverdienen, um die Wohnung abzubezahlen und unseren „Lebensstandard zu sichern“. Aber der soll bitteschön nicht höher werden. Ich kaufe bestimmte teure Dinge, vor allem Kosmetik und Lebensmittel, aber ich fahre kein Auto und kaufe meine meiste Kleidung secondhand. Ich will in Notfällen spontan reagieren und alles andere absagen können, aber ich mache keine Fernreisen und überhaupt wenig Urlaub. Ich kaufe endlos Bücher, aber habe keinen Fernseher. Ich habe ein großes Atelier und mein Mann hat einen Schrebergarten an der S-Bahn, aber dafür haben wir eben kein hübsches Häuschen mit geräumigem Keller und charmantem Garten mit knorkeligen Obstbäumen. Usw.

Mein Fokus ist in letzter Zeit richtig solide klar geworden, und das hat meinem Patchwork unglaublich geholfen.

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Nebenstrang: Man sieht im Internet meist nur eine Seite.

Du siehst nicht über Instagram, wie die Altersvorsorge einer Person aussieht. Du siehst nicht, ob sie mietet oder ein Häuschen besitzt oder fünf, wie wohlhabend ihre Eltern sind, ob sie überhaupt noch mit ihnen spricht. Du siehst nicht, was sie alles aufgegeben hat, um an diesem Punkt zu sein.

Und trotzdem wählen wir immer mehr über das Internet aus, mit wem wir arbeiten, von wem wir lernen, von wem wir uns, zum Teil sehr tief, beeinflussen lassen.

Wie überall, wirst du auch in deiner Arbeit letztendlich zu der Art von Person, mit der du dich umgibst.

Das bedeutet für mich: Wenn du die Menschen nicht magst, deren Kurse du kaufst und von denen du lernen willst und deren Artikel du liest – ändere das. Das kann nicht hilfreich sein, es bleibt immer ein Biegen, und es verbiegt dir auf Dauer dein gesamtes Patchwork. Finde Menschen, deren Werte du teilst, und lerne von ihnen. Deine Selbständigkeit ist ein heiliger Ort, den du mit deinen Werten und Ideen lebst – lass dir diesen Ort nicht befüllen von einer Person, die politisch, moralisch, sprachlich in einem krassen Gegensatz dazu steht.

Es gibt Menschen, die sich auf Marketing für Introvertierte spezialisieren, es gibt Menschen, die online verkaufen und gleichzeitig differenziert und kritisch mit Social Media umgehen,  es gibt Geschäftsmodelle, die auch politisch und sozial Sinn machen – du brauchst nicht die Schreierinnen, die ihre Hände in die Luft pumpen. Dafür bist du zu schade.

Du wirst deshalb nichts verpassen.

Es geht auch anders, es geht immer anders. Du kannst ein ehrliches, profitables Online Business komplett ohne Facebook führen, und falls du Facebook-Gruppen magst, musst du nicht den Wert eines Kleinwagens ausgeben, um dir eine Anleitung dafür zu kaufen. Dein eigener, ungehemmter, unverstellter Weg kann funktionieren.

(Und genau diese anderen, nicht-schreienden Menschen wollen wir hier noch viel mehr versammeln, das ist uns noch deutlicher geworden bei unserem Patchwork-Wochenende.)


Das nehme ich mir als Aufgabe für die kommenden Wochen vor:

Ich will noch viel intuitiver arbeiten. Diesen Draht zu mir nach innen stärken, damit ich auch im täglichen Arbeitstrubel noch genauer höre, was ich eigentlich will und worum es mir wirklich geht. Um mehr Entspannung zu haben und weniger Aufreger um die Dinge, auf die es mir nicht ankommt.

 

Die Portraitbilder von mir, sowie die Atelierbilder in dem Artikel, sind dieses Mal von  Tobias Leipnitz gemacht worden. Danke, Tobi!