Patchwork-Arbeit

Blog

Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Mehr Luft, bitte.

 
Ricarda-patchwork-bericht-5.jpg

Ich schreibe meinen neuen Tagebuchbericht fast fertig, er ist voll organisatorischer Finetuning-Ideen und ein Lob des Alltags – aber ich drücke mich vor der finalen Überarbeitung, finde keine Zeit dafür, schiebe es immer und immer wieder weg. Aha, denkt sich die intuitiver gewordene Ricarda, vielleicht stimmt da etwas noch nicht dran.

Also nochmal von vorne: Woran knabbere ich gerade wirklich?

Ich mache es wie Alicia, lasse mir Zeit, setze mich und denke nach.

Eigentlich war alles gut – die letzten Wochen haben größtenteils gut funktioniert, patchworkmäßig. Ich hatte einen Freund zu Besuch, der an einem großen Roman schreibt, und mit dem ich ein mehrtägiges Schreibretreat im Atelier gemacht habe, was mein eigenes Schreibprojekt ein großes Stück voran gebracht hat. Ich habe schöne Workshops gehalten und neue, positive Dinge für meine Selbständigkeit angestoßen und bin mittendrin in einer längeren Website-Tour, auf der ich bereits wunderbar entzückende und begeisterte Kundinnen getroffen habe. Ich hatte während der Buchmesse und über Ostern noch mehr tollen, anregenden Besuch. Ich war für einen Tag in Berlin, einfach nur, um auf ein Konzert zu gehen und Freunde zu treffen.

Warum stockt es dann dermaßen, wenn ich versuche, diesen Bericht zu schreiben?

Weil sechs (okay, inzwischen acht) Wochen lang sind, und in ihnen viel passiert, und sich manches davon unangeschaut ablagert und mir das Atmen erschwert.

Und weil, und das ist noch schwerer auszusprechen, ich Zweifel an meinem Patchwork habe, Zweifel daran, ob ich das alles schaffen kann. Wepsert zum Beispiel ist diesen Monat völlig flach gefallen, ich habe so gut wie gar nichts dafür gemacht. Ich fühle mich auch nicht wirklich ausgeglichen, habe fast jeden Abend das Gefühl, dass irgendetwas oder irgendwer zu kurz gekommen ist.

In einem Artikel zur Burnout-Verarbeitung (den ich nicht aktiv gesucht hatte, der plötzlich auftauchte, soeinzufall), finde ich den Satz: Identify the lie.

Vielleicht ist meine Lüge, dass ich diese vier Projekte gleichzeitig stemmen muss. Dass das überhaupt machbar oder toll sein müsste, könnte.

Ja, das ist wohl ein richtiger Patchwork-Zweifel. Deshalb kommt dieser Bericht auch nur so zäh aus mir heraus. Aber an diesem Schopf muss ich ihn packen.

collage.jpg

Ich vergesse oft, das Leben selber mit reinzurechen in meine Gleichungen.

Bei dem Begriff „Work-Life-Balance“ klingt es immer so, als wäre Leben das Nette, Erholsame und die Arbeit das Anstrengende, und man müsse davon ein gesundes Gleichgewicht herstellen.

Aber das ist schlichtweg nicht immer so. Leben ist eben auch Kopfweh und Streit und Ausdiskutieren und tausend SMS, ist ein Verarbeiten davon, wie die eigene Familie tickt und ob und wie man überhaupt dazu gehört, ist Sorge um eine Freundin, die sich nicht zurück meldet, und die Organisation von Ausflügen und Schlüsselübergaben, ist Einkaufen und Arztbesuche und Flaschen wegbringen und die Waschmaschine einräumen und die Spülmaschine ausräumen, ist der Versuch, zu begreifen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, ist der Versuch, auszublenden, wie unsere Gesellschaft funktioniert, ist Pakete abholen und Geschenke aussuchen und Rechnungen zahlen und sich bei Freundinnen melden, die sich langsam selber schon um einen Sorgen machen.

Das ist auch alles Arbeit, und es strengt mich an, oft mehr als die Arbeit-Arbeit mich anstrengt.

Und (das muss ich mir immer wieder klarmachen) bei mir ist noch nicht mal das Kümmern um Haustiere oder Kinder oder Pflegebedürftige mit dabei, was dem Thema ja noch mal eine ganz andere Schärfe gibt.

Ich habe nicht genug Luft, um alles zu verarbeiten, was mir passiert, was ich aufnehme, was mich beschäftigt.

Das ist zu einem Teil bestimmt meine Hochsensibilität, die dazu führt, dass ich viel aufnehme, das ist ein Teil die Trauer, die ich noch verarbeite und die wir als Familie noch verarbeiten, es sind die aktuellen politischen Entwicklungen und meine Sorge darum, es ist der unglaubliche Überfluß an Informationen, die ich bewusst und unbewusst zu mir nehme, es ist ganz normales Alltagsleben und es sind natürlich meine vier fordernden Projekte.

Es ist immer zu viel los, es beginnt immer gleich schon wieder etwas Neues, ich hechele hinterher, ich habe nie alles erledigt, es tauchen immer noch tausend dringende Kleinigkeiten auf, ich bin nie fertig.

Ich schaue den abendrötlich gitarrespielenden Frosch auf meiner Teepackung an und bin neidisch auf ihn.

feierabend-frosch.jpg

Die guten Zwischendrinmomente.

Und ich habe manchmal zu wenig Luft, um das aufzunehmen, was mich nährt, um Platz zu machen für meine Intuition.

Eine meiner Hauptfragen der letzten Wochen (die wir hier in Alicias Interview bereits besprochen haben) war: Wie schaffe ich mir den Raum in meinem Leben, den ich brauche, um meine Intuition zu hören? Denn wenn es immerzu wuselt und ich im dauernden Reaktionsmodus bin, höre ich viele Frequenzen, aber selten meine eigene.

Im Durchkauen dieser Frage stelle ich fest: Dieser Raum ist eigentlich bereits da. Ich muss ihn nur wahrnehmen, und ihm mehr Luft geben. Es sind die Randmomente, die Fransen und Flicken im Tag, die kleinen Verbindungsstücke zwischen hier und dort, es ist das Zwischendrin.

Jetzt schon wieder „spät dran“ und kaum geschlafen, aber der Schnupfen wird etwas besser, und ich sollte diesen Mythos mit der Zeit mal lassen. Ich muss nicht bestimmte Sachen am Morgen gemacht haben, damit es ein guter Tag wird, ich muss überhaupt nichts gemacht haben, ich will nur viel wahrnehmen und viel spüren, I want to roll down my windows.

Ich stehe auf für das Zwischendrin, für das Morgenlicht auf dem Magnolienzweig, für einen lustigen Satz in der Küche, für einen Schwarztee mit Milch, für die muntere kleine Radfahrt in mein Atelier, auf der eine Stange Lauch aus meinem Rucksack fällt und eine fremde Dame mir mit wedelndem Finger droht „Sie hamda was verloren!“

Ein klassischer Fall von „Der Weg ist das Ziel“. Den ich vermutlich so nur empfinden kann, weil ich natürlich auch noch für etwas anderes aufstehe. Ich habe eine Arbeit – vier Arbeiten –, die mir größtenteils gut tun, die mich anregen und wachsen lassen, die mich packen und fordern.

Die mir aber auch ganz schön Zeit und Energie und Kopfmuße rauben. 

zwischendrin.jpg

Ich muss mir mehr Luft geben.

Das muss ich wirklich verinnerlichen, und mir nicht jede kleine Minute zwischendrin, jede Bahnfahrt und jeden Nachmittag alleine in der Wohnung mit Schreibzeit zuknallen.

Ich muss realistischer planen, noch genauer verstehen, was mich wann erschöpft und für was ich außerdem noch Zeit brauche. Wann ich auch mal gar nichts tun will.

Ich habe da auch Ideen dafür, die viel mit meiner Kalendernutzung zu tun haben und der Art, wie ich plane und was ich glaube, wann schaffen zu können. Aber für heute belasse ich es dabei, bei diesem Gedanken, und versuche den wirklich tief in mich hineinsinken zu lassen: Ich kann und darf mir mehr Luft nehmen.

Auch wenn ich jetzt schon eher zu den Langsamen gehöre, auch wenn jetzt schon die Projekte stocken, auch wenn die To-Do-Liste endlos lang ist.

Ich werde nie fertig sein, also muss ich es nicht so verzweifelt versuchen.

Das ist (unter anderem) auch eine Frage von Selbstbewusstsein, von der Selbstverständlichkeit, mit der ich den Dingen Platz mache, die für mich Priorität haben. Die will ich kultivieren, und dann melde ich mich wieder, und habe dann vielleicht die praktischen organisatorischen Tipps dabei.

Eine praktische Vermutung habe ich schon: Ich glaube nicht, dass ich riesige Umstellungen brauche.

Ich vermute, dass es eher die kleineren Schrauben sind, an denen ich drehen muss – dass ich zum Beispiel endlich mal in mir verankere, dass ich um meine Touren herum mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung brauche, und dass meine Reisen vielleicht anstrengender sind, wenn ich dabei Privates und Geschäftliches mische. Kleinere Faktoren, die aber zusammengenommen mir einiges an Druck oder Luft-Gefühl geben.

Und klar – ich könnte mich jetzt auch „ermannen“ und stark sein und weiterpowern und Sachen durchziehen und mich motivieren, und mich zwischendrin mit Badewannen-Self-Care bei Laune halten.

Aber ich könnte auch einfach so erwachsen werden, dass ich mich mit dem versorge, was ich brauche.


Das nehme ich mir als Aufgabe für die kommenden Wochen vor:

Luft, Luft, Luft. Atmen, atmen, atmen.