Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Alles noch ernster & alles noch lockerer.

 
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Wie wir unsere Tage verbringen ist, natürlich, wie wir unser Leben verbringen.

Unter jeder E-Mail, die ich verschicke, steht ein Satz der Schriftstellerin Annie Dillard„How we spend our days is, of course, how we spend our lives.“

Das steht dort, um mich und meine Schreibgegenüber dafür zu sensibilisieren, dass wir unser Leben vermutlich nicht mit dem Hin und Her von E-Mails verbringen wollen. Diese Sensibilität habe ich an guten Tagen weitestgehend in mir kultiviert, da ist mir dann klar, dass meine eigentliche Arbeit woanders stattfindet.

Aber dieser Satz beschäftigt mich durch die Wahl der Zeiteinheit „Tage“.

In schlechten Momenten überlese ich den Plural darin und lese stattdessen „täglich“, und dann packt er mich am falschen Eck. Denn in meinem viergeteilten Patchwork tue ich so gut wie nichts täglich.

Das Schreiben zieht sich durch, als Tätigkeit, aber es fühlt sich zu unterschiedlich an, als dass das „eins“ sein könnte. Lyrik ist ein völlig anderes Tier als eine Website-Anleitung als ein feministischer Essay als ein patchworklicher Tagebuchbericht.

Es ist alles gut. Und aber.

Es ist alles, alles gut im Moment – ich habe tolle Kunden und mir Zeit geschaffen für die anderen Dinge und bin gesund und meistens wieder fröhlich und es ist Sommer und ich bin in zwanzig Minuten an einem See.

Und trotzdem sitze ich nachts schlaflos im Wohnzimmer, mir rast der Kopf und ich habe Lust, ein bis zwei meiner vier Projekte zu killen. Natürlich nicht jede Nacht, natürlich nur, wenn sich ein paar Themen und Unsicherheiten übereinander schieben.

Wenn ich wieder mal feststelle, dass ich über eine meiner eigenen, von mir gesetzten Grenzen gegangen bin und doch Termine vereinbart habe an Tagen, die ich mir eigentlich für Projektarbeit freigehalten hatte.

Wenn manche Menschen ihre eigenen Anliegen in den Vordergrund stellen, meine Zeit nicht respektieren und ich mich nicht ausreichend wehre, und es sich somit anfühlt, als würde ich beklaut. Wenn ich beklaut werde. Wenn wieder ich die anderen motivieren musste.

Wenn ich wieder mal feststelle, dass ich keine Ahnung habe, wie das geht mit der Kunst

Wenn ich inhaltliche Zweifel an allem bekomme, und mich frage, ob ich nicht lieber nur noch die Website-Arbeit machen sollte, das bringt wenigstens Geld und da weiß ich, wo ich hin will. Oder ob ich nicht lieber nur noch literarisch schreiben sollte, scheiß doch auf’s Geld und die Sicherheit, wozu gibt es Hartz 4, wenn nicht, um Künstler zu unterstützen? Hänge ich mit Mitte Dreißig nicht eh schon völlig hinterher mit meiner künstlerischen Arbeit?

Ob ich nicht alles streichen sollte. Ob ich mir den Gedanken erlaube.

Lösungen schwimmen auf, was ich wann und wie machen und begreifen könnte, wie ich mir noch ein bisschen mehr die Woche und die Herangehensweisen optimieren müsste, wen ich wie einbinden könnte …

Der einzige Gedanke, der mich allerdings so weit zufrieden stellt, dass ich loslassen und müde werden kann, ist: Ich muss mein Schreiben noch ernster nehmen. Ich muss das alles im Text lösen.

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Das Schreiben – und ich, also meine Gedanken und meine Haltung –  ist das Einzige, was all diese Projekte verknüpft.

So munter ich mir auch immer sage, dass es in Ordnung ist, wenn das alles so verschieden ist, so sehr brauche ich das eine Verbindende. Auch wenn es nur diese haarfeine Verbindung ist, und jedes Projekt einen anderen Modus des Schreibens verlangt.

Am nächsten Tag kommen die Zweifel wieder.

Es ist immer alles gleichzeitig in meinem Kopf.

Ich habe eine solche Sehnsucht danach, ein Thema einfach mal sitzen zu lassen und an ihm rumzukauen, dauerhaft, jeden Morgen beim Radfahren, jeden Abend beim Spülen. Etwas bis in die Tiefe an einem Stück durchzuarbeiten. Zu forschen.

Ich will jederzeit im Kopf loswandern können, aber da dort immer (mindestens) vier Türen sind, durch die ich loswandern könnte, komme ich manchmal gar nicht los.

So dreht’s und kreiselt’s im Kopf einer Patchworkerin, und ich fürchte, das ist völlig normal.

Ich fürchte, ich muss und darf einfach weiterhin dankbar bleiben für diese Fragen, die ich mir stellen darf, für diese Themen, die auftauchen, für die Komplexität dieses Jonglierens.

Ich muss dem Nörgler in mir, der behauptet, dass darunter die Komplexität der eigentlichen Themen leidet, direkt in die Augen schauen und sagen: Alter, ich höre dich. Du hast Angst, dass ich oberflächlichen Mist mache. Aber je weniger ich auf dich höre, und je mehr ich mir erlaube, hochintensiv und konzentriert in meinen Rahmen zu arbeiten, umso tiefer komme ich auch mit meinen vielen Projekten. Für eine monothematische wissenschaftliche Laufbahn ist es bei mir eh zu spät, und mich interessieren nun mal all diese Aspekte.

Und diese Intensität – ein ganz präsentes, klares Anwesend-Sein und mich konzentrieren, trotz aller Zweifel, die ich mir nie final werde schönreden können – das ist noch etwas, was alle Projekte verbindet und was ich in jeder einzelnen Arbeitsfacette üben kann.

Ich schlüpfe aus einer Zeit der Traurigkeit und Langsamkeit und Schonung und spüre meine Kraft. Ich bin belastbarer, als ich dachte. Ich will Ergebnisse und ich will Geschwindigkeit. Ich schreibe so, wie ich schreibe, und ihr müsst das eben entziffern. Ich werde diese Zweifel nicht los, und das ist auch nicht mein Ziel.


Das nehme ich mir für die kommenden Wochen vor:

Mein Schreiben noch ernster nehmen, auf jeder Plattform.

Noch ernster, noch lockerer, noch fühlender, noch freier, noch intuitiver. Die Lautstärke von Radio Ricarda aufdrehen. Das Praktische drumrum so topmanagerinnenmäßig struktuiert, dass es darin fließen kann. Noch umsichtiger mit Blick auf Future Me umgehen: Wie wird es mir dann und dann gehen? Brauche ich jeden Abend ein Treffen mit Freunden oder eher auch mal eine Pause? Habe ich mir ausreichend Zeit und Luft eingeplant? 

Ganz konkret plane ich ein Experiment. Ab Mitte Juli möchte ich einen Monat lang ausschließlich an der Überarbeitung meines Online Kurses zur Website-Erstellung arbeiten. Sprich: Mir mal einen Monat lang den Luxus der Monothematik gönnen.

Um das zu stemmen, nehme ich mir in den Wochen bis dahin vor, alles Notwendige dafür vorzubereiten und vorausschauend aus dem Weg zu räumen, so gut es geht.