Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Im Zweifel leben heißt in der Freiheit leben.

 
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Take the Liberation.

Nimm dir die Befreiung. Irgendwo tauchte vor einer Weile dieser Satz auf, und das war genau der Satz, den ich als Antwort auf meine formulierten Zweifel an meinem Patchwork gebraucht habe.

Nimm dir die Befreiung aus den Fragen, aus den Zweifeln, daraus, dass eh keine wirklich weiß, was sie macht, keiner weiß, was er eigentlich tut. Die Vorstellung, dass in den Zweifeln ja eine Freiheit liegt, ist alt und bekannt und auch mir eigentlich gut bekannt. Trotzdem ist genau diese Vorstellung eine, die sehr schnell begraben wird von Alltag und Sorge und alten Maßstäben, und an die ich mich deshalb so dringend immer wieder erinnern muss.

„My biggest fear is getting to a point where I know what I'm doing, and then just doing what I know.“ Meine größte Angst ist, dass ich an einen Punkt gerate, wo ich genau weiß, was ich tue, und dass ich dann nur noch tue, was ich weiß. Sagt der Designer Florian Schmitt in einem Interview.

Das ist etwa das, was ich mir selber sagen wollte, als ich hier angekündigt habe, dass ich an einem Buch schreibe:

Wie wäre es mit der Überlegung, dass es vor allem dann Kunst ist, solange wir nicht das Recht dazu haben?

Und sobald wir das Recht dazu haben, wird es Beruf und Profession und professionell, was alles wunderbar ist, aber eben keine Arbeit mehr am Rand?

Ist es dann eher Kunst, wenn ich von einem anderen Ort aus arbeite als aus dem Recht darauf? Aus einem anderen Selbstbewusstsein als dem erarbeiteten, ererbten, eingeübten? Von der kippligen Kante und stolz darauf?

Aus dieser Befreiung heraus habe ich den Schwung genommen, natürlich doch alles nochmal ein bisschen durcheinander zu schütteln, einen neuen Ansatz auszuprobieren, schon wieder ein neues Experiment aufzusetzen.

Und ich will doch täglich an meinem Buch schreiben.

Dieser neue Ansatz wurde vermutlich stark ausgelöst durch Alicias Fragen in ihrem letzten Interview mit mir: „Wieso brauchst du das eine und warum ist es das Schreiben?“ Das sind sehr wichtige Fragen, und sie saßen noch lange nach dem Interview bei mir.

Was wäre, wenn ich einfach mal so tun würde, als könnte ich täglich an meinem Buch schreiben?

Was wäre, wenn ich es einfach täglich tun würde? Morgens ein bisschen eher loslegen, mich hinsetzen und schreiben.

Was wäre, wenn ich jeden Morgen 1.000 Wörter schreiben würde? Damit ich ein Ziel habe und weiß, wann es Zeit ist, aufzuhören? Damit ich weiß, dass ich nicht endlos da sitzen muss?

(Dieser Teil des neuen Experiments wurde übrigens stark angeregt von dem schönen Projekt 1000 words of summer.)

Und siehe da: Das funktioniert. Ich kann täglich schreiben. Ich kann (fast) täglich (fast) eintausend Wörter schreiben.

Das Schreiben selber ist oft genug eine kleine Hölle. 

Ich sitze und fluche und kaue an Bleistiften, Nägeln, Keksen, schiele auf die Wörterzahl, schreibe zwei Sätze, schiele wieder auf die Wörterzahl.

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Manchmal, selten, komme ich in einen unerwarteten Fluß, und dann rauscht es durch mit mir, und ich bin so verwickelt in dem Gefühl meines eigenen Textes, dass ich kurz nicht weiß, wo ich bin.

Viel öfter hacke ich doof auf der Tastatur rum, und weiß schon, dass ich beim Editieren vermutlich alles wieder rausschneiden werde.

Aber darauf kommt es nicht an.

Ich schreibe, ich schaffe mir einen Zugang zu dem Text, ich entwickle die Geschichte weiter, ich trage sie den restlichen Tag ein bisschen mit mir rum. Seitdem ich täglich schreibe, fallen mir plötzlich im Laufe des restlichen Tages auch kleine Dinge für die Geschichte ein, sehe ich etwas oder höre einen Satz, den ich mir notieren muss.

Und: Ich bin nach dem Schreiben erstaunlich wach und produktiv, habe richtig Lust auf meine anderen Projekte und komme schneller in ihnen voran. Obwohl, oder gerade weil, ich ja Zeit „verloren“ habe. 

Als ich noch reine Schreibtage hatte, wurde mir meine eigene Geschichte manchmal zuviel, und ich habe mich einen gesamten Tag gequält, um am Ende auch nur 1.000 wacklige Wörter geschrieben zu haben.

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So kann ich regelmäßig kleine wilde Worthäufchen stapeln, und es kommt auch gar nicht mehr so darauf an, dass jeder Tag episch geil ist – ich weiß ja jetzt, dass ich spätestens morgen früh die nächste Chance habe.

Das ist der ziemliche Knaller.

Was mir geholfen hat.

Ich habe in letzter Zeit viel gelesen über das Schreiben und verschiedene Schreibpraxen. Diese drei Gedanken und Zitate hier haben mir entscheidende Impulse gegeben für mein neues Experiment, und für den Mut dazu.

Für das tägliche darüber Nachdenken und Marinieren, und um etwas Druck herauszunehmen:

You need time and space to live in the novel or story, to contemplate the implications of parts of it. I find it is more important for the story to be alive in your head every day than to get words on paper every day.
— Jeff VanderMeer

Du brauchst Zeit und Raum, um in deinem Roman oder deiner Geschichte zu leben, um die Auswirkungen der einzelnen Teile darin anzuschauen. Ich finde, es ist wichtiger, dass die Geschichte jeden Tag in deinem Kopf lebendig ist, als dass du jeden Tag Wörter auf’s Papier bringst.

Für eine regelmäßige Schreibpraxis, die tief mit dem eigenen Leben verzahnt ist, dass das nur so geht, dass das allen so geht, dass Verzahnung normal und wichtig ist:

Fiction should be the side effect of your life. One must have a consistent practice, a nearly psychotic desire to create a book, and a deep investment in one’s own life. If you have those three things, books will come. Be patient. Make space. Realize that your life is happening.
— Catherine Lacey

Deine Geschichten sollten eine Auswirkung deines Lebens sein. Du brauchst regelmäßige Übung, den beinah irren Wunsch, ein Buch zu schreiben, und eine tiefe Beteiligung deines eigenen Lebens. Wenn du diese drei Sachen hast, kommen die Bücher. Sei geduldig. Schaffe ihnen Raum. Begreife, dass dein Leben gerade stattfindet.

Beide Zitate stammen aus How to make a book.

Für den Aspekt des Schreibens als mein Handwerk, als etwas, das mir gut tut:

[…] to me, it’s all just writing. As long as I’m writing something, I tend to be in a better mood than if I’m not doing anything. But I don’t prioritize. I don’t think, “Oh, there’s my fiction, and then there’s the other stuff.” It’s all just writing.
— Geoff Dyer

Für mich ist das alles Schreiben. Solange ich schreibe, habe ich meistens bessere Laune als wenn ich nichts mache. Aber ich mache keinen Unterschied. Ich denke nicht, „Oh, hier ist mein Roman und das da sind die anderen Sachen.“ Es ist alles einfach Schreiben

Dieses Zitat ist aus diesem Interview.


Das nehme ich mir für die kommenden Wochen vor:

Die Vorbereitungen für mein monothematisches Experiment zur Überarbeitung meines Online Kurses haben halbwegs gut geklappt (wenn man davon absieht, dass ich mir durch das tägliche Schreiben jetzt ja gar keine „richtige“ Monothematik mehr erlaube …).

Ich habe in den letzten Wochen wichtige offene Punkte abgearbeitet, meine Kund*innen auf meine Auszeit vorbereitet, einen Autoresponder eingerichtet. Was sich gruslig anfühlt – sechs Wochen lang eine automatische E-Mail-Antwort zu verschicken, dass ich gerade nicht gut erreichbar bin, erfordert doch etwas Mut.

Aber ich habe darin genau erklärt, was ich vorhabe – sprich auch, was meine Kund*innen selber davon haben werden, und ich hoffe deshalb auf Verständnis. Außerdem halte ich weiterhin meine wöchentlichen Sprechstunden und ich habe ich mir alle Mittwoch-Nachmittage weitestgehend frei gehalten, um dann dringende Mails zu beantworten.

Es war für mich überraschend, wie schwer das ist, tatsächlich so eine lange Zeit terminfrei zu halten. Ganz habe ich es auch nicht geschafft, es haben sich sogar ein, zwei Beratungen eingeschlichen, aber im Großen und Ganzen habe ich in den nächsten Wochen meinen Kopf frei, um mich auf die Kurs-Überarbeitung zu konzentrieren.

Und all diese aufwändige Vorbereitung führt natürlich dazu, dass ich mein eigenes Experiment ernster nehme. Was hoffentlich hilfreich sein wird.

Ich nehme mir also vor, das Experiment Monothematik weiterhin ernst zu nehmen – nur jetzt eben verknüpft mit dem täglichen Schreiben. Es verzahnt sich somit auch hier und bleibt ein fleckiges, flickiges, tägliches Patchworken, und ich find’s herrlich.