Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

Alles gleichzeitig, alles wollen, überall vorankommen, alles ein Leben.

 
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Was bisher geschah …

Ich hatte mich intensiv vorbereitet auf sechs monothematische Wochen, in denen ich nur meinen Online-Kurs überarbeite  und ihn bewerbe, und alle anderen Elemente meines Patchworks ein bisschen zur Seite schiebe. Ich habe das einen „Luxus“ genannt. In einem zweiten Schritt habe ich diesen Einzelfokus dann doch ergänzt mit täglichem (literarischem) Schreiben, und damit verankert, wie wichtig mir mein Schreiben ist und dass ich mein Patchwork täglich lebe.

Was nun passiert ist:

Erstmal: Ich habe die sechs Wochen überlebt! Yay. Das ist doch schon mal nicht schlecht. Außerdem ist der überarbeitete Kurs veröffentlicht, und ich habe richtig viel gelernt.

Dieses Lernen reichte von Facebok Werbeanzeigen (für mich bisher nur Geldverschwendung) über wie ich vielleicht doch selber Social Media nutzen kann (indem ich dort das tue, was ich auch sonst tue: schreiben) und dass bei einem Launch Geduld wichtig ist, bis hin zu einem neuen Tagesablauf, der Einsicht, dass ich manchmal die Freude an dem Ganzen vergesse und dass ein Patchwork-Arbeiten vielleicht doch der eigentliche Luxus ist.

Hier das Gelernte im Detail:

Der Kurs & der Launch

Der Schnellstart-Kurs ist überarbeitet – das heißt, er hat ein neues Design und einen neuen Ablauf:

Inhaltlich wollte ich vieeel mehr schaffen und noch viel mehr Stellen anpassen und erweitern, aber die wichtigsten Punkte sind drin. Das liegt unter anderem auch daran, dass ich zum ersten Mal „richtig rum“ gearbeitet habe.

Sprich: Ich habe mir Prioritäten festgelegt und die zuerst umgesetzt – zum Beispiel das neue mobile Design. So hätte ich theroetisch in der zweiten Überarbeitungswoche schon online gehen können.

Alles, was „nice-to-have“ ist, habe ich nach hinten geschoben. Dort liegt zwar noch fast alles von dem Nice-to-have-Stapel, aber da kann ich es jetzt ja in Ruhe in nächster Zeit angehen. Der Teil hat also im Großen und Ganzen gut geklappt.

Dazu habe ich dann zum ersten Mal einen richtigen „Launch“ gemacht, also eine intensivere Bewerbungsphase.

Mein Launch bestand im Vorfeld aus Werbekampagnen auf Facebook und Instagram, um meinen Newsletter zu bewerben, und dann aus einem besonderen Angebot für den Kurs, das zwei Wochen lang erhältlich war. Im Laufe dieser zwei Aktionswochen habe ich sieben E-Mails an meine Newsletter-Abonnent*innen geschickt – was krass viel ist für mich (normalerweise verschicke ich alle zwei Wochen einen Brief):

 So sah mein Plan für den Launch aus … Der wurde dann noch zigmal umgeschoben und am Ende habe ich ihn in Stücke gerissen :)

So sah mein Plan für den Launch aus … Der wurde dann noch zigmal umgeschoben und am Ende habe ich ihn in Stücke gerissen :)

Der Launch lief zuerst richtig schleppend. Das völlig random Ziel, das ich mir gesetzt hatte, waren 30 Kurskäufe innerhalb der beiden Wochen. Ich hatte gehofft, dass am ersten Tag bereits ein paar Kurse verkauft werden – aber in den ersten paar Tagen hat nur eine Person gekauft. Uff, da war ich erstmal enttäuscht. Schließlich habe ich im Juli und im August knapp 140 Stunden in dieses Projekt gesteckt …

Am ersten Launchtag sagte mir mein Mann morgens: You're in it for the long run.

Du machst das auf lange Sicht. Das wurde dann zu meinem Motto des Monats und ich habe mich mehrfach täglich daran erinnert. Es stimmt ja auch so sehr: Es geht nie um die eine Aktion, nie um das eine Projekt. Es geht darum, dass ich aus jedem Ding wenigstens ein bisschen was lerne und Stück für Stück Wissen, Kundenzahlen, Leser*innen, Muskeln, Ruhe, was auch immer ich gerade anstrebe, ansammeln kann.

Zum Ende meiner siebenteiligen E-Mail-Serie hatte sich das Interesse deutlich erhöht, und ich kam zum Launch-Ende skurillerweise auf exakt 30 Käufer*innen. (Witzig, Universum, sehr witzig.) Worüber ich mich wundere und tierisch freue, logisch.

Spannender war aber eigentlich diese Phase dazwischen, als ich so enttäuscht war und mich mit dem long run aufgerichtet habe. Denn da sind mir ein paar wichtige Dinge klar geworden.

Zum Beispiel: Dass ich wirklich nicht nach Zahlen arbeiten will. Wenn ich meinen Erfolg nur über diese blöde Zahl 30 messe, dann vergesse ich, dass ich mit Menschen arbeite, und nicht mit Zahlen. Natürlich ist für mein Business und mein Gleichgewicht die Frage wichtig, ob meine Einführung in den Kurs und meine Bewerbungsmaterialien stimmig sind und funktionieren. Aber viel wichtiger ist doch eigentlich, dass meine Kund*innen etwas mit dem Kurs anfangen können, dass sie damit wirklich ihre Websites bauen, dass mein Produkt für sie funktioniert.

Und ich habe dabei gelernt, dass ich auch deshalb patchworke, weil es mich stärker macht.

Ich brauche alle diese Tätigkeiten, damit mich nicht eine der Tätigkeiten komplett herunterziehen kann. Wenn ich immer so viel Zeit ausschließlich in ein Ding stecken würde, jap, dann wäre ich verdammt angepisst und / oder entmutigt, wenn dieses eine Ding nicht so funktioniert, wie ich das will.

Aber wenn ich weiß, dass ich jeden Tag alles mache, dann kann ich mich viel leichter bewusst dafür entscheiden, lieber den Erfolg in dem einen Bereich zu feiern, als mich in dem zu suhlen, was in dem anderen Bereich gerade nicht so gut läuft. Mein Patchworken macht mich also widerstandsfähiger.

Der Körper

Körperlich waren diese letzten sechs Wochen erstaunlich anstrengend für mich. Nicht nur, dass diese Wochen, in denen ich so hochkonzentriert sein wollte, ausgerechnet in eine Hitzeperiode gefallen sind … Ich hatte außerdem richtig viele Schreibtischtäter-Zipperlein, von schmerzenden Handgelenken bis hin zu heftigen Rückenschmerzen.

Kann natürlich alles Zufall sein, aber aufgefallen ist es mir schon. Und mein Fazit daraus ist: Ich will weniger am Schreibtisch arbeiten. Ich brauche das nicht, dass ich auf meinem Stühlchen verkrüppele. Ich will mehr spazierengehen, mehr draußen denken und schreiben, mich mehr im Alltag bewegen.

 So sah zum Ende des Launchs hin mein Arbeitsplatz aus …

So sah zum Ende des Launchs hin mein Arbeitsplatz aus …

Hilfreich war mein neuer Tagesablauf der letzten Wochen: Ich bin superfrüh aufgestanden, um im Atelier zu lüften (weil es sonst unerträglich heiß geworden wäre), habe vormittags die wichtigsten Teile der Überarbeitung gemacht und dann eine späte, lange, südländische Mittagspause. Mit Kochen und Sport und Dösen. Und am Nachmittag habe ich nur noch Sachen gemacht, die nicht viel Kopfeinsatz brauchten, also Screenshots einfügen oder andere mechanischere Arbeiten.

Dieser Ablauf hat mir auch körperlich gut getan, und das will ich grundsätzlich so beibehalten. Nur nicht mehr ganz so früh aufstehen.

Die Kunst

Mein Schreiben hat richtig gelitten unter der Kurs-Überarbeitung. Ich hatte mein Pensum extra schon halbiert auf ein 500-Wörter-Tagesziel, aber selbst das konnte ich nicht durchziehen. In den ersten Wochen war das noch kein Problem, aber irgendwann hatte ich dann doch so einen (gefühlten, eingebildeten) Druck, dass ich morgens gleich mit den Kurs-Arbeiten angefangen habe und meine täglichen Wörter ausgelassen habe.

Immer wieder mal konnte ich mich zwischendrin zum Schreiben bringen, aber in den Fluss, in dem ich war, als ich täglich geschrieben habe, bin ich nicht gekommen.

Gerade arbeite ich mich wieder zum täglichen Schreiben hin. Ich bin unkonzentriert und finde den Weg in meine Geschichte nicht so richtig, aber ich weiß, dass das wieder kommen wird.

Und ich weiß auch, dass das leichter kommt, je mehr Freude ich dabei zulasse. Mir also nicht selber erzähle, dass das hart und schwierig und eine Qual ist. Ich bin dann wieder drin, wenn ich gerne wieder in der Geschichte bin.

Großer Leitstern also auf der Schreibfront, oder eigentlich auf allen Fronten: Wirklich, wirklich lernen, den Weg zu genießen. Denn im Endeffekt ist der Weg alles. Woraus besteht ein Leben, wenn nicht aus täglichen kleinen Schritten?

In dem Zusammenhang habe ich auch meine private Website schon wieder umgebaut. Dieses Mal so, dass alle Artikel gleich auf der Startseite vollständig zu sehen sind, und damit nicht jeder einzelne Artikel so pompös und hochtrabend daherkommt. So habe ich mehr Freude am Veröffentlichen dort, weil es mir natürlicher und flüssiger vorkommt – mal schauen, wie lange das dieses Mal anhält :)

Das Patchwork

Was ich vor allem gelernt habe in den letzten Wochen: Monothematisch ist nicht so geil für mich. Mein Patchwork macht schon wirklich Sinn, ich brauche das aus so vielen Gründen.

Am wohlsten fühle ich mich (und am besten komme ich voran, und am meisten Freude habe ich), wenn ich parallel zueinander viele kleine Schritte überall und gleichzeitig mache. Jeden Tag ein bisschen Sport, ein bisschen Kunst, ein bisschen Geldarbeit, ein bisschen Spielen, ein bisschen Denken.

All diese Bisschens summieren sich, das weiß ich doch. Alles gleichzeitig, alles wollen, überall vorankommen, alles als ein Leben.

Und die Dauerhaftigkeit der Parallelität bringt dann die Ernsthaftigkeit, die ich immer so dringend suche.

Das Politische

Ich schreibe diesen Rückblick Anfang September 2018, kurz nachdem in Chemnitz – also um die Ecke von mir – gewaltbereite Rechtsextremisten den Tod eines Menschen instrumentalisieren, um ihre Ziele voranzutreiben.

Gestern bin ich nach Chemnitz gefahren, um zu zeigen, dass wir anderen wirklich mehr sind. Obwohl ich Massenveranstaltungen grundsätzlich meide wie die Pest und weiterhin Angst hatte, dass die Polizei die Lage nicht angemessen im Griff hat.

Es war so eine gute, stärkende Veranstaltung, mit so einer heftig positiven Stimmung.

Natürlich weiß ich, dass ich im Detail nicht exakt der gleichen Meinung bin wie alle 65.000 Menschen, die dort waren – aber das muss ich ja auch gar nicht sein. Wir alle teilen die Auffassung, dass es so nicht weitergehen kann mit dem Rechtsruck in unserer Gesellschaft, dass wir Solidarität brauchen und keinen Rassismus, und das reicht mir vollkommen aus, um mich hinzustellen und zu sagen „Hier gehöre ich dazu“.

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Wie ich hier schreibe: Auch dieses Aufstehen ist Teil meiner Arbeit und meines Patchworks, ob ich das will oder nicht.

Teil meiner Arbeit als Mensch, als Künstlerin, als Selbständige. Ich will hier leben und ich will hier frei und demokratisch und miteinander leben, also muss ich wohl was tun.

Ich muss laut und deutlich gegen die Rechtsextremen und ihre organisierte Gewalt und bekloppten Forderungen demonstrieren. Und ich muss gleichzeitig den anderen zuhören, die auf der Kippe zu der Gewalt stehen – und dabei grundsätzlich bereit sein, auch etwas in meinem Verhalten oder meiner Wahrnehmung zu verändern, auch von ihnen zu lernen. Was viel verlangt ist im Moment, aber sonst ist es kein Dialog.

Das ist anstrengend. Aber es lohnt sich.

Das Fazit

Und das ist auch so in etwa das Fazit meiner letzten Wochen, meines letzten Experiments: Das ist anstrengend. Aber es lohnt sich.

 3-in-1 Symbolbild: So vieles, was sich lohnt, ist anstrengend. Blutspenden ist anstrengend, sich zu langfristigen Beziehungen verpflichten ist anstrengend, Fairphones sind anstrengend. Und alles drei lohnt sich.

3-in-1 Symbolbild: So vieles, was sich lohnt, ist anstrengend. Blutspenden ist anstrengend, sich zu langfristigen Beziehungen verpflichten ist anstrengend, Fairphones sind anstrengend. Und alles drei lohnt sich.


Es bleibt:

Es gibt so viel, was ich machen will, so viele Menschen und Dinge, die ich pushen will, so viel, was ich kritisieren und diskutieren muss, so viele, die ich trösten will, so viel, was ich schreiben und ausprobieren und bauen will, ich bin tausend Menschen in einem Körper, tausend Tage in 24 Stunden.

Was kommt:

Mein Patchwork mit großer Freude und täglich zelebrieren. Meine Freiheit und mein demokratisches Land verteidigen – ich will mindestens einmal im Monat auf die Straße gehen. (Ich muss mir das so gezielt vornehmen, damit ich meine Bequemlichkeit überliste.) Mich weiterhin anstrengen für die Dinge, an die ich glaube. Mir meine Schrulligkeit erlauben, auch online, auch auf Social Media. Und nicht mehr so viel sitzen.