Patchwork-Arbeit

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Wir wollen besser patchworken – und nehmen dich mit auf die Reise. Hier findest du regelmäßige Berichte von uns, und Unterhaltungen darüber, in denen wir noch tiefer gehen:

1 Life of 1 Person.

 
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Egal wie glücklich ich mit meinem Patchwork bin: Ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass ich mehr Einheit möchte.

Dass mein gestückeltes Arbeitsleben auf meine Persönlichkeit abgefärbt hat, dass ich eine stückelige Person geworden bin. Dass ich je nach Kontext anders bin, mal wütend, mal albern-fröhlich, mal unterstützend, mal nachdenklich-beobachtend – dass ich aber nicht selber entscheide, wann ich wie bin, sondern dass der Kontext es mir vorgibt, und ich beispielsweise einer Kundin ganz anders anworte als einem Schreibkollegen. 

Das passt mir nicht. Um einen roten Faden innerhalb meiner Patchwork-Projekte sehen zu können, muss ich mich als eine Person sehen können, die alle Projekte gleichberechtigt vorantreibt.

In den letzten Wochen habe ich vor allem gespürt, dass das ein innerer Prozess ist. 

Kein neuer Ablauf, keine Änderung an meinem Tagesplan, keine Projektstundenverteilung kann mir zu dieser Einheit helfen, wenn ich nicht vorher innerlich beschlossen habe, als gesamte Person in all meinen Rollen präsent zu sein und präsent sein zu dürfen.

Klar will und werde ich weiterhin Rollen haben, und die natürlich kontextgemäß ausfüllen. Aber ich kann reicher, tiefer, vielschichtiger agieren, wenn ich mich nicht so stark in einer Rolle fühle.

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Klar, aber nicht glatt. Meine Wahrheit sein lassen, und sie nicht im Namen von Gemeinschaft oder Kundschaft glattbügeln. Ob und wie ich Twitter nutzen will, kann nur ich mir beantworten. Wie stark die Figuren in meinem Buch sind, kann nur ich herausfinden. Wie stark ich bin und wie ehrlich ich mich sein lasse, kann nur ich beantworten.

Meine unternehmerische Arbeit ist auch politisch und literarisch. Meine literarische Arbeit ist auch unternehmerisch und politisch. Meine politische Arbeit ist auch literarisch und unternehmerisch.

Sachen aus Liebe machen. So einfach ist es eigentlich.

Würde es noch einfacher gehen?

Was würde ich machen, wenn ich einfach in’s Atelier gehe und dort mache, worauf ich heute Lust habe? Wenn ich alle Vormittage frei halte und nachmittags immer Krempel mache, könnte das funktionieren? Würde ich mich automatisch ausgleichen? Würde ich vom einen in’s andere fliehen? Würde ich eins vernachlässigen?

Ich plane den nächste großen radikalen Schritt: Ich lasse die Pläne los. 

Was ich alles planen muss und was ich dann immer vergesse und vergessen muss und wann genau lebe ich, also lerne ich Mensch zu sein und schaffe mir eigentliche Klarheit? Ich muss noch zum See fahren noch Übungen machen noch einen Film schauen noch einen Newsletter schreiben noch einen Newsletter schreiben noch eine Website bauen noch eine Website überarbeiten noch einen Tweet schreiben …

Ich habe vergessen, meinen Sport zu machen, jetzt schmerzt mir der Rücken so, dass ich kaum schreiben kann. Ich muss weniger sagen wollen, weniger machen wollen. Meine Art, mit der Welt engaged zu sein, ist nicht haltbar.

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Bisher besteht mein Patchwork hautpsächlich aus detaillierten Plänen, aus Vorstellungen, was wann wo und wie, aus farbig kodierten Kalendereinträgen, aus Rollen, in die ich hinein- und wieder hinausschlüpfe. Ich fühle mich bereit für den nächsten Schritt, und das ist hauptsächlich ein innerer: Alles loslassen. Morgens aufstehen und überlegen, auf welches Projekt ich heute Lust habe.

Das zerfasert und zerfitzelt mich auch, das macht mir Angst. Das geht natürlich nur bedingt, wenn Deadlines und Kooperationen dazu kommen. Ich habe es noch nicht wirklich ausprobiert, aber ich fummel an dem Gedanken rum, stecke die Zunge rein und taste aus, wie es sich anfühlt.

Jesse Ball antwortet auf die Frage, wie er sich auf ein neues Buch vorbereite:

The preparation is about paying attention to what you love and to be able to see as clearly as possible. It’s a matter of your whole life’s regime, so it’s not taken up with a particular book in mind.
— Jesse Ball

Ich will meine eigene Performance wieder mehr mögen. Früher mochte ich sie, da dachte ich aber die ganze Zeit, ich wäre noch in der Vorbereitung, dabei sind wir von Anfang an mitten drin.

Ich habe eine Stunde am Risotto gerührt und es hat mir nicht geschmeckt. 

Ich will weiterhin alles.

Ein altes Problem, das mir neu klar wird: Ich könnte jeden einzelnen Teil meines Patchworks natürlich auch ausschließlich machen, und dann wäre er besser. Wenn ich acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, nur diegutewebsite.de machen würde, wäre ich damit an einem völlig anderen Punkt, hätte ich noch viel mehr Menschen mit ihren Websites geholfen, hätte ich mehr und noch tollere Produkte, würde ich Mails schneller beantworten, wären meine Abläufe geschmeidiger.

Wenn ich nur an meinem Buch schreiben würde, wäre das Buch schon fertig, und vielleicht eine Wucht.

Wenn ich nur politische Arbeit machen würde, wüsste ich vielleicht inzwischen, wie man einen politischen Essay schreibt, wäre ich Journalistin, wäre ich verknüpft, hätte ich heiß diskutierende Buddies, hätte ich vielleicht die Welt schon geändert. Usw.

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Ich muss akzeptieren, es in den knirschenden Kiefernknochen spüren: Ich will aber alles. Also wird jeder Teil im gleichen Maße von den anderen Teilen profitieren wie unter ihnen leiden.

Es ist vermutlich sinnvoll, gelegentlich das echte oder gedankliche Experiment zu starten und eine Zeit lang monothematisch zu arbeiten. Es ist vermutlich nicht sinnvoll, jeden Tag zu beklagen, dass ich dieses oder jenes besser könnte, wenn ich alle Energie darauf richten würde.

Besonders fällt mir das an den Stellen auf, die neu sind und noch nicht eingeübt, wie bei meinem politischen Engagement.

Politische Arbeit ist richtig anstrengend.

Die politische Arbeit ist schon länger ein Teil meines Patchworks, aber sie verlangt immer mehr Aufmerksamkeit und Zeit, und bringt dadurch meine internen Aufteilungen in’s Schwanken.

Es gibt so unglaublich viel zu tun, zu retten, ich will zur Aktivistin werden und weiß überhaupt nicht, wie das geht. Ich bin am Samstag auf der #unteilbar-Demo gewesen und habe fast die gesamte Woche gebraucht, um einen Artikel über die Demo online zu stellen. Genauer: Einen Essay darüber, dass ich als Individualistin – als Kind meiner Zeit – solche Schwierigkeiten habe, mich überhaupt dem gezwungenermaßen schwammigem Aufruf einer solchen Großdemo unterzuordnen.

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Das ist ehrenamtliche Arbeit, sie drängt sich in meine Brotarbeit, ich habe keine Mechanismen dafür, ich fühle mich in der Lyrik und in persönlichen Essays zuhause und jetzt schreibe ich doch anders. Das ist neu und wichtig und saugt viel Energie auf. Das sind versteckte Kosten der Politisierung: Wie viel wird in unserem Land grad diskutiert, gestritten, besprochen, recherchiert, analysiert?

Newsflash: Urlaub tut gut.

Neben all diesen Überlegungen und Anstrengungen hatte ich in den letzten Wochen vor allem Urlaub. Und der tut gut.

Was eigentlich gut tut, ist gar nicht so sehr das Nichtstun oder das Woanderssein, sondern die Zeit mit Freunden. Wie selten das inzwischen geworden ist, dass ich mit meinen Lieblingsmenschen so viel Zeit zu zweit ohne große Agenda habe. Da stelle ich wieder so richtig fest, wie sehr ich sie liebe, und das wirkt nach.

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Faul will ich auch werden. Mit italienischen Arbeitszeiten, von 9 bis 12 und dann wieder von 16 bis 19 Uhr, das reicht doch völlig, und gleichzeitig will ich so viel machen, fühlen, denken, ich will leben, leben, leben.

Diese Wochen ohne Rechner haben mir auch gut getan. Ich erlaube mir allmählich eine wirkliche, tiefe Entspannung, oder eher: eine wirkliche Anwesenheit in meinem Leben.

Ich lerne wirklich, etwas mehr auf mich zu hören. Auf das, was ich gerade machen will.

Nur weil ich am Schreibtisch sitze, muss ich nicht geldarbeiten. Ich kann einen kompletten Vormittag an meinem Wepsert-Artikel werkeln, ich spüre das allmählich. Spüre den Herbstnebel draußen und die kleinen aufgeregten Meisen, spüre, wie viel ich gearbeitet habe dieses Jahr, und wie ich in mir kultivieren will, dass ich eine Künstlerin bin, dass ich nach meiner Uhr ticke, dass das Leben auch schön ist und „fleißig“ kein Gefühl.